Ein Werk, welches 70 Jahre nach seiner ursprünglichen Veröffentlichung als eBook gewürdigt wird, kann man nicht wirklich als übersehenen Geheimtipp bezeichnen. Dennoch ist es beinahe schockierend, wie gering die Präsenz Hans Falladas in deutschen Schulklassen und Studiengängen ist.

Ich habe nun schon meine paar Semester Germanistik-Studium auf dem Buckel – inklusive eines intensiven Lesekurses, welcher uns die wichtigsten Werke der deutschen Literatur näherbringen sollte. Dennoch bin ich zum ersten Mal bewusst über den Namen Falladas gestolpert, als ich eines Abends – angefixt von Wolfgang Borcherts Draußen vor der Tür – auf Amazon nach deutscher Nachkriegsliteratur stöberte.

Dabei ist Hans Fallada schon rein biographisch eine höchstinteressante Persönlichkeit. Selbstmordversuche, Morphium- und Alkoholsucht, mehrere Aufenthalte in Gefängnissen und Psychiatrien – und trotzdem avancierte sich dieser Mann zu einem hochangesehenen Schriftsteller. Sein Opus Magnum, Jeder stirbt für sich allein, schrieb er kurz nach dem Ende des zweiten Weltkriegs und unmittelbar vor seinem eigenen Tode als Auftragsarbeit für den „Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“ – mehr als 700 Seiten in unter vier Wochen.

Dass aus dieser Tour de Force ein solch grandioses Werk hervorgekommen ist, gleicht beinahe einem Wunder. Fallada bekam den Auftrag, sich für seinen Roman an der realen Geschichte des Berliner Ehepaars Otto und Elise Hampel zu orientieren. Die Eheleute Hampel führten mittels Protestkarten, die sie anonym an vielbesuchten Orten platzierten, einen stillen Kampf gegen das Naziregime. Diese reale Vorlage dient allerdings nur als Grundgerüst für den grandiosen Großstadt-Roman, der uns hier vorliegt.

Statt einer großen Kriegsnarrative erzählt Jeder stirbt für sich allein die Schicksale der kleinen Bürger Berlins. Durch die beinahe schon ungemütliche Nähe zu diesen Menschen entsteht ein Gefühl von Nahbarkeit, das selbst Leser im 21. Jahrhundert mit Leichtigkeit mitreißt.


Nazi-Deutschland wird Quasi-Dystopie-Roman

Die große Geheimwaffe dieses Romans ist seine Zugänglichkeit. Soziale und politische Werte mal kurz beiseite gekehrt – dieses Buch ist der reinste Pageturner. Und damit unterscheidet es sich von jedem vergleichbaren Werk, welches ich in meinem Leben gelesen habe.

Es mag etwas absurd, vielleicht sogar geschmacklos sein, einen Roman über die dunkelste Epoche Deutschlands für seinen Unterhaltungswert zu loben. Doch gerade aus diesem Grund ist es nötig. Denn Jeder stirbt für sich allein ist spannender als jeder Krimi und gleichzeitig schockierender als jeder Dystopie-Roman – nicht trotz, sondern wegen seiner Verwurzelung in der Realität.

Misst man den Wert dieses Werks einzig an seinen Idealen, ist es im besten Fall eines unter vielen hoch angesehenen Werken der deutschen Nachkriegsliteratur. Doch gehen wir einen Schritt weiter: Jeder stirbt für sich allein ist immer noch weit entfernt von Mainstream-Appeal; durch seine relative Zugänglichkeit hat der Roman aber größeres Potential, seine Werte an eine breitere Leserschaft zu vermitteln.

Vielleicht bin ich nicht ganz unvoreingenommen. Ich studiere deutsche Literatur und habe somit „möglicherweise“ eine überdurchschnittliche Affinität für Klassiker… Doch was ist, wenn ich Falladas Roman rein rational mit den üblichen Vertretern aus dem Deutschunterricht vergleiche? Im Kontrast zu anderen Nachkriegsschinken ist Jeder stirbt für sich allein der reinste Segen.

Dieses Buch ist dreimal so dick wie Wolfgang Koeppens Tauben im Gras. Zur selben Zeit ist es aber auch viermal so fesselnd; und rein sprachlich doppelt so leicht zu verdauen. Im Vergleich zu Thomas Manns Buddenbrooks – dem Schrecken jedes Leistungskurses – ist Jeder stirbt für sich allein beinahe eine Lektüre zum Runterlesen.


Ein erzählerisches Meisterwerk

Strukturell ist Jeder stirbt für sich allein absolut meisterhaft. Eine Fülle zutiefst menschlicher Hauptfiguren reicht sich von Kapitel zu Kapitel die Hand. Das Gefühl permanenter Bedrohung dehnt den Spannungsbogen über die gesamte Erzählung hinweg strammer als das Pacing so mancher Netflix-Serie. Von Anfang bis Ende trifft Fallada den goldenen Mittelweg zwischen minutiöser Detailverliebtheit und anregend schnellem Erzähltempo. Jeder stirbt für sich allein kommt auf einer gewaltigen Menge Seiten daher, doch keine einzige davon ist überflüssig.

Falladas zweite Geheimwaffe für den Lesefluss sind die virtuos verfassten Dialoge. In authentischer aber gewitzter Umgangssprache fassen sie die Schnauze der 1940er-Jahre und brachten mich alle paar Seiten zum Schmunzeln – und wenn auch nur aufgrund der Absurdität einiger Wortkonstrukte.

„Die hat Haare auf den Zähnen, i wo, keine Haare, Igelborsten hat sie drauf! Die beißt und spuckt wie ein Pavian – und darum wird sie ja auch so genannt!“ (Fallada, Kindle-Position 1780-1781)

Auch der Erzähler plaudert in vergleichsweise unbeschwertem Ton daher; nur, um die dadurch geschaffene Leichtfüßigkeit immer wieder durch gewichtvolle, geradezu poetische Einwürfe zu durchbrechen. Man kann nicht genug betonen, aus wie vielen Poren dieses Romans pure Menschlichkeit strömt. Diverse Passagen demonstrieren eine emotionale Fallhöhe, die selbst mir als abgehärteten Leser der Postmoderne den Magen verdreht hat.

Sogar einige Nazis wie der Gestapo-Kommissar Escherich,

„ein langer, schlenkriger Mann mit einem losen, sandfarbenen Schnurrbart, in einem hellgrauen Anzug – alles an diesem Menschen war so farblos, dass man ihn gut für eine Ausgeburt des Aktenstaubes halten konnte“ (Pos. 3275-3276)

werden im Verlauf der Erzählung auf so geschickte Weise charakterisiert, dass man als Leser in Angesicht der grausamen Manipulation der Nazis empathisch zwiegespalten bleibt. Denn irgendwann erkennt selbst ein Gestapo-Beamter wie Escherich, „er wird nie wieder der Alte. Er ist bloß noch eine Arbeitsmaschine“ (Pos. 7399) – er ist wie viele der tragischen Charaktere ein „glänzendes Produkt nationalsozialistischer Erziehung.“ (Pos. 7250-7251)

Und gerade diese Erbarmungslosigkeit der Nazis ist es, was dieses Buch im aktuellen politischen Klima relevant macht. Es sollte eigentlich zum Allgemeinwissen gehören; doch was Fallada hier – quasi als Zeitzeuge – überliefert, führt so effektiv wie nur irgend möglich vor Augen, wie unsagbar abscheulich Nazi-Deutschland war.

Es erinnert daran, dass in diesem Staat absolut niemand sicher war – selbst treuste Parteimitglieder mussten jeden Moment ein Messer im Rücken erwarten. Der Roman führt vor Augen, „dass jeder Nazi zu jeder Zeit bereit war, jedem Deutschen, der eine von seiner abweichende Meinung hatte, nicht nur alle Lebensfreude, sondern auch das Leben selbst zu nehmen.“ (Pos. 3095-3097)

Denn „jeder Spur wurde nachgegangen, damit ‚die Eiterbeule auch ganz ausgebrannt’“ (Pos. 8028) wurde. Selbst, wenn es sich dabei nur um unschuldige entfernte Verwandte eines „Staatsfeindes“ handelte, welche in völligem Unverständnis bis zur Besinnungslosigkeit gefoltert wurden. „Eine Hälfte des Volkes sperrt die andere ein“ (Pos. 7786) – und das nahezu völlig wahllos und ungeachtet der persönlichen Hintergründe besagter Personen.


Ein Lied für taube Ohren?

Für wen ist die Botschaft des Romans nun bestimmt? Die Ignoranten, welche sie am dringendsten hören sollten, leben ohnehin in völliger Taubheit. Ein Großteil der anderen Seite weiß es (hoffentlich) schon besser, ohne Falladas Roman je gelesen zu haben.

Meiner Meinung nach kann es nie schaden, eine zusätzliche Stütze zur Meinungsbildung zu haben – insbesondere, wenn der didaktische Wert auf inhärent unterhaltsame Weise, wie hier durch einen fesselnden Roman, vermittelt wird. Dieses Buch mag an so vielen Stellen grausam und abstoßend sein wie es an anderen auf absurde Weise lustig ist. Doch es ist gerade diese Grausamkeit und Absurdität, für die es gelesen und geschätzt werden sollte.

Ich persönlich habe immer Probleme damit, mich von geschriebener Fiktion auf einer reinen Spannungs- und Unterhaltungsebene fesseln zu lassen. Vielleicht verfüge ich einfach nicht über die Fantasie, welche für ein solches Maß an Immersion notwendig ist. Doch selbst ich saß im Falle von Jeder stirbt für sich allein am Ende jedes Kapitels da und wollte unbedingt noch das nächste lesen.

Ihr, die nun mehr als 1000 Wörter zu einem Werk deutscher Nachkriegsliteratur gelesen habt: Nehmt diese Begeisterung eines Unbegeisterbaren als Empfehlung für ein faszinierendes Buch, welches ihr vielleicht sonst niemals gelesen hättet.

„Von da an hatte Ulrich Heffke in Angst gelebt. Dieser sanfte Mensch mit einem schlichten, einfachen Geist, der sein Lebtag allem Streit aus dem Wege gegangen war, war von dem Sadisten Laub verhaftet worden, gequält, angeschrien, geschlagen. Man hatte ihn hungern lassen, gedemütigt, kurz, er war mit allen teuflischen Künsten gemartert worden.“ (Pos. 9637-9639)

„Freilich wurde für die Ausmerzung des kleinen Buckels Ulrich Heffke gesorgt. Körperlich wie geistig war er nicht lebenswert, und nach einem kurzen Anstaltsaufenthalt sorgte eine Spritze dafür, dass er dieser bösen Welt wirklich Valet sagen konnte.“ (Pos. 9726-9728)


Primärquelle: Fallada, Hans. Hans Fallada: Jeder stirbt für sich allein (German Edition). eClassica, Kindle-Version, 2017.

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