Es ist nicht mehr gern gesehen, aber ich werde es trotzdem tun: Zelda II ist das Dark Souls der Zelda-Reihe. Die Parallelen sind einfach zu deutlich. Kein anderes Zelda (außer vielleicht Breath of the Wild) legt seinen Schwerpunkt so sehr auf den gekonnten Umgang mit Schild und Schwert. Die meisten Zeldas beendete ich als Kind, ohne meinen Schild je zu benutzen! Wäre ich so bei Zelda II vorgegangen, hätte ich es nicht einmal durch den ersten Dungeon geschafft. Moment… Ich habe das damals so versucht!

Ich klopfe meinem präpubertären Ich kurz auf die Schulter: Angespornt durch N-Zone, GIGA sowie den Angry Video Game Nerd habe ich schon vor Erlangen meiner Strafmündigkeit Spiele zu schätzen gewusst, die weit älter waren als ich. Im Falle von Zelda II bedeutet „weit“ eine Zeitreise sieben Jahre vor meine Geburt.

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Meine erste Berührung mit Zelda II entstand durch die streng limitierte Zelda: Collector’s Edition für den Gamecube, welche ein Kumpel besaß, dessen Cousin (angeblich) bei Nintendo arbeitete. Der europäische Pöbel bekam diese Disk mit vier Zelda-Klassikern für 4.500 Sterne (wer erinnert sich noch?) im Club Nintendo.

Ich erinnere mich noch, wie irritiert wir damals waren, als Zelda II zum ersten Mal über unsere Röhre flimmerte. Zelda 1 schockierte mich bei der ersten Berührung auf dem GBA nicht sonderlich – schließlich war mein Eintritt in die Reihe mit Oracle of Ages und Oracle of Seasons nicht weit von den Wurzeln der Reihe entfernt. Bei Zelda II hingegen wirkte nur die Dungeon-Musik vertraut.


Gehasst, weil es anders ist

Jeder weiß, wieso Zelda II das schwarze Schaf der Reihe ist: Seitlich scrollende Platforming- und Action-Passagen, ein EXP-basiertes Levelup-System, kryptische Rätsel und eine erbarmungslose Game Over-Mechanik. Obwohl Zelda II die mit Abstand härtesten Kämpfe der Reihe beinhaltet, setzt es Link nach drei Toden zurück zum Startareal des Spiels.

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Sowohl auf der Zelda: Collector’s Edition für den Gamecube als auch auf der Wii-Virtual Console war Zelda II für mich deshalb ungenießbar. Generell reagiere ich allergisch auf Spiele, die mich mit einem arbiträren 1UP-/Game Over-System immer wieder dieselben Passagen durchlaufen lassen.

Sogar die Wii U-Version überzeugte mich trotz Schnellspeicherfunktion nicht. Ich war nicht darauf vorbereitet, teils dutzende Minuten am Stück immer wieder dieselben Gegner umzuklatschen, nur um meine Angriffskraft auf einen adäquaten Wert zu erhöhen.

Nun erschien Zelda II am 16. Januar 2019 für den Abo-Service der Nintendo Switch. Damit meine 4,37€ im Jahr bestmöglich angelegt sind, habe ich mich erneut in den Kampf gestürzt. Schließlich war Zelda II der einzige Teil der Hauptreihe (neben dem unsäglichen Spirit Tracks), welchen ich bisher noch nie beendet hatte.

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Eine Frage der Perspektive

Kennt ihr das auch? Ihr spielt ein Spiel zum ersten Mal und findet es absolut grauenvoll. Mehrere Monate später gebt ihr dem abgestoßenen Spiel – aus welchen Gründen auch immer – eine zweite Chance und plötzlich… klickt es!

Links Duelle gegen die häufig humanoiden Feinde entwickeln eine für die Zelda-Reihe einzigartige Dynamik, welche mir als 1994er-Jahrgang in noch keinem anderen Spiel der NES-Ära begegnet ist.

Links hält seinen Schild dauerhaft ausgestreckt vor sich. Die Herausforderung besteht daraus, den Schild durch Ducken oder Drehen in jeder Situation blitzschnell so auszurichten, dass er die Schwerter, Lanzen und Bumerange der Gegner pariert. Der bewaffnete Zweikampf in Zelda II erreicht bei weitem nicht die Tiefe eines Dark Souls, Nioh oder For Honor. Das Konzept bleibt jedoch gleich und ist gerade wegen seiner Simplizität umso faszinierender.

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Jeder Treffer in Zelda II tut weh, da das Spiel auf die traditionellen Herzen der Zelda-Reihe verzichtet. Link kann sein geringes Kontingent an Lebensenergie einzig durch Besuche in Städten, willkürlich auftauchende Feen oder wertvolle Heilzauber wiederherstellen. Häufig schienen mir die ersten Begegnungen mit Hyrules Monstern äußerst unfair oder gar unmöglich zu bewältigen, ohne signifikanten Schaden einzustecken.

Sobald ich mir aber einige Sekunden Zeit nahm, um die pixeligen Widersacher zu studieren, wurde mir häufig klar, wie ich ihre primitiven Angriffsmuster umgehen konnte. Häufig war dieses Austricksen immer noch schwierig und fehleranfällig genug, um für einige Frustmomente zu sorgen. Vor allem die berüchtigten Gebirge Death Mountain und Valley of Death sind ohne Schnellspeicherstand nur mit Haarausfall bezwingbar.

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Ich empfehle euch deshalb: Stellt euch auf die paar Häufchen archaischen Bullshit ein, die Zelda II euch an den Kopf werfen wird! Denn dann werdet ihr eine wunderbare Zeit mit dem Spiel haben.

  • Nutzt einen Walkthrough mit Karte, um die gröbsten WTF-Momente schon im Voraus herauszufiltern – die Leute damals hatten auch ihr Nintendo Power-Magazin.
  • Ladet euch ein paar Podcasts, damit der anfängliche EXP-Grind nicht allzu monoton wird. Mein Tipp ist, schon im ersten Dungeon die schwebenden Blasen zu farmen, bis euer Angriffswert mindestens Level 5 beträgt. Klingt ätzend, geht aber verhältnismäßig schnell und spart später viel Frust und Zeit.
  • Versucht gar nicht erst, durch Räume mit Lava oder Abgründen zu springen, ohne vorher einen Schnellspeicherstand anzulegen. Selbst professionelle Hochseiltänzer würden nicht ohne Leine auftreten, wenn unberechenbare Drachenköpfe sie umschwirren.

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Perfekt fürs Jahr 2019

In vielerlei Hinsicht ist Zelda II überraschend modern. Ich kenne keinen anderen NES-Platformer, der tote Gegner so konsequent tot bleiben lässt. Egal ob Mega Man, Kirby oder Super Mario – in fast jedem NES-Sidescroller tauchen besiegte Gegner sofort wieder auf, sobald der Bildausschnitt ein paar Zentimeter hin- und zurückscrollt. Zelda II hingegen merkt sich selbst nach vier Etagen eines Dungeons noch, dass der Stalfos-Ritter auf der ersten Etage drei Räume zur Linken nicht mehr unter den Lebenden weilt. Ein Hauch von Dark Souls und ein wahrer Segen in den verwinkelten Labyrinthen Hyrules.

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Selbst das erbarmungslose Game Over hat gar nicht so scharfe Zähne wie viele denken. Zum einen bleiben sämtliche Levelups, Schlüssel und Items erhalten; zum anderen können aufmerksame Spieler in der Oberwelt zahlreiche Abkürzungen öffnen, die den Rückweg zum Ort des Ablebens verkürzen. An welche düstere japanische Spielereihe erinnert uns das? Richtig! Resident Evil!

In Zeiten, zu denen tausende Spieler dem Roguelike-Genre verfallen und freiwillig immer wieder den schnöden ersten Level von Dead Cells durchschlurfen, hat Zelda II seinen schlechten Ruf nicht mehr verdient. Sicherlich sind Dead Cells, Rogue Legacy und Konsorten immer noch spaßiger. Für ein Spiel von 1987 schlägt Zelda II sich aber gar nicht schlecht.

Nun, wo Zelda II Teil einer Spiele-Flatrate ist, existiert für retro-affine Switch-Besitzer keine Ausrede mehr, nicht selber mal die Füße ins Wasser zu halten. Vielleicht leben wir dann endlich in einer Welt, in der Zelda II in der Mehrheit aller Top-Listen über Phantom Hourglass und Spirit Tracks thront.

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Zelda II: The Adventure of Link
Nintendo EAD / Nintendo, 14. Januar 1987
NES, Gamecube, GBA, Wii, 3DS, Wii U, NES Classic Mini, Switch
Directors: Tadashi Sugiyama, Yoichi Yamada
Designer: Kazunobu Shimizu
Komponist: Akito Nakatsuka

Screenshots / GIF: Eigene Aufnahmen der Nintendo Switch-Version