Erstveröffentlicht auf Spielkritik.com am 15. Januar 2019.


Es gibt ein Kirby-Metroidvania? Ein Vier-Spieler-Koop-Metroidvania? Für den Game Boy Advance? Wieso redet niemand über dieses Spiel? Dafür gibt es mehrere Gründe…

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Kirby and the Amazing Mirror (2004) widerspricht dem Ruf der Reihe, nur aus kinderleichten Platformern zu bestehen. Auch in den jüngsten Kirby-Ablegern für Wii, 3DS und Switch gilt: Möchte man aus den Spielen zumindest ein Quäntchen Anspruch herauskitzeln, sollte man die Augen nach den hunderten optionalen Sammelgegenständen offenhalten.

Das lineare Durchspielen der Kirby-Titel mag immer noch ein dösiger Spaziergang sein. Doch vor allem der 3DS-Ableger (und Serienhöhepunkt) Kirby: Planet Robobot (2016) bietet mit seinen etlichen Collectibles spannende Abzweigungen vom roten Faden. Die Geheimgänge und Puzzles sind kein Enigma, bieten aber genau die richtigen kreativen Impulse, um unterforderte Spieler aufzuwecken.

Kirby and the Amazing Mirror für den GBA packt diese Erkundungselemente und dreht die Regler auf Anschlag. Dadurch wird es zum vielleicht anspruchsvollsten aller Kirby-Spiele… auf seine sehr eigene Weise.

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Die Spielwelt von Amazing Mirror ist komplett non-linear. Jeder zweite Raum beinhaltet zwei oder mehr mögliche Ausgänge in komplett verschiedene Areale. So besteht der Anspruch dieses Kirby-Spiels nicht daraus, plump von Level A bis Level Z zu schweben. Stattdessen müssen Spieler den verschlungenen Weg zum Boss jeder der sieben Welten finden. Klingt einfach, ist es aber nicht.

Die sieben Welten sind an allen Ecken und Enden wild miteinander verknüpft – teilweise durch Einbahnstraßen. Das Resultat dieses wirren Leveldesigns ist eine erstaunlich frische, andererseits aber auch frustrierende Kirby-Herausforderung. Auch wenn die Areale sich in ihrer visuellen Thematik stark voneinander abheben, fällt die Orientierung häufig schwer. Auch die minimalistische Ingame-Karte liefert bestenfalls passable Unterstützung.

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So interessant das Konzept von Amazing Mirror ist – irgendwann kommt der Punkt, an dem man sehr lange buchstäblich im Kreis rennt. Türen, die sich nur zu einer Seite öffnen, waren schon in der Metroid-Reihe keine gute Idee, wurden dort aber immerhin nur äußerst selten eingesetzt. Die Navigation von Kirbys Spiegelwelt ist eine Aufgabe, die mehr als einen Kopf erfordert.


Ein nie kopiertes Metroidvania-Konzept?

Das andere große Alleinstellungsmerkmal von Amazing Mirror ist der Koop-Modus für bis zu vier Spieler. Gleich vorweg: Ich habe diesen Spielmodus nie selbst ausprobieren können. Denn wer hat schon vier GBAs, ein Gamelink-Kabel UND vier Kopien von Kirby and the Amazing Mirror? Das Spiel war schon damals nicht unbedingt Mainstream.

Dass kaum jemand diese GBA-Perle komplett ausreizen konnte, ist unglaublich ärgerlich. Denn der Koop-Modus nutzt die Stärken der Handheld-Plattform auf lobenswerte Weise. Kirby and the Amazing Mirror erfordert keinen Splitscreen. Die vier Spieler müssen sich aber auch nicht stets im selben Bildausschnitt aufhalten. Dadurch, dass alle Spieler ihre eigenen GBAs und Spiele benutzen, können sie die gesamte Spielwelt uneingeschränkt und völlig unabhängig voneinander erkunden.

Kirby 1 erkundet gerade Welt 5? Da wäre es doch ineffizient, noch drei andere Kirbys dasselbe Areal durchforsten zu lassen. Also reisen Kirbys 2, 3 und 4 auf eigene Faust in komplett andere Winkel des Spiels. Sollte jemand etwas Interessantes finden, lassen sich die Mitstreiter blitzschnell per Walkie-Talkie herbeiteleportieren.

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Es ist so simpel, aber gleichzeitig so genial. Man stelle sich nur vor: Hollow Knight, Axiom Verge oder – man darf ja noch träumen – ein neues Metroid mit einem Koop-Modus, in dem alle Spieler die Welt autonom erkunden können.


Kirby war seiner Zeit voraus

Würden wir in diesem fiktiven Szenario erneut vor kleinen Handheld-Bildschirmen kleben? Wohl kaum. Das Konzept von Kirby and the Amazing Mirror passt perfekt zur Online-Infrastruktur moderner Konsolen. Alle Spieler haben ihren eigenen Bildschirm und ihre eigene Hardware, welche die Spielwelt unabhängig von den Aktivitäten der anderen Spieler berechnen kann.

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Vielleicht könnte man sogar darauf verzichten, dass alle Spieler darauf angewiesen sind, ihr eigenes Exemplar von „Hollow Knight: Four Nails“ zu kaufen. Schließlich gaben uns bereits andere Koop-fokussierte Spiele wie A Way Out oder Far Cry 4 die Option, eine digitale „Gastkopie“ unseres gekauften Spiels mit Freunden zu teilen. Im Falle von A Way Out und Far Cry 4 beinhalten diese Gastkopien das gesamte Spiel. Allerdings kann der Gast seine Kopie nur starten, wenn er vom Originalkäufer zu einer Koop-Partie eingeladen wird.

So wäre die hohe Einstiegshürde von Kirby and the Amazing Mirror geschickt umgangen. Nun müssen die Entwickler nur noch auf Einbahnstraßen in einer 2D-Open-World verzichten und dem geselligen Erkundungsspaß stünde nichts mehr im Wege! [pg]

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Kirby & the Amazing Mirror (dt. Kirby & die wundersame Spiegelwelt)
HAL Laboratory, Flagship, Dimps / Nintendo, 15. April 2004
Game Boy Advance, Wii U Virtual Console
Director: Tomoaki Fukui

Quelle Titelbild: offizielles Promobild von nintendo.co.uk
Screenshots: eigene Screenshots der Wii U Virtual Console-Version