Fight Club ist ein Film, von dem jeder weiß: Wenn ich den zentralen Plot-Twist kenne, muss ich den Film gar nicht erst gucken… Ähnliches gilt für den besten Nischentitel des Jahres 2018: The Missing: J.J. Macfield and the Island of Memories.

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Wer jetzt denkt, so einen Namen kann sich nur ein Japaner ausdenken, liegt goldrichtig. The Missing stammt vom Entwickler White Owls, unter der Führung des Deadly Premonition-Schöpfers Hidetaka Suehiro – auch bekannt als SWERY oder Swery65.

Die nächste Assoziation wäre dann wohl: Deadly Premonition? Ist das nicht dieses unpolierte, technisch durchwachsene Spiel, welches nur Japan-Hipster feiern? Schlägt The Missing etwa in dieselbe Kerbe?

Ohne Deadly Premonition jemals gespielt zu haben, kann ich versichern: Selbst, wenn ihr (genau wie ich) allergisch auf störrische Steuerung und durchwachsene Technik reagiert, ist The Missing ohne Bedenken genießbar. Es gibt vereinzelte Stellen, die sich selbst mit rosa Brille nur als „clunky“ oder „janky“ beschreiben lassen, aber im Großen und Ganzen bleibt The Missing überraschend flüssig.

Dabei merkt man dem Spiel an vielen Ecken an, dass sein Budget durchaus ein paar Yen mehr vertragen hätte. Dafür, dass The Missing an manchen Stellen so aussieht, als hätten die Entwickler einfach die günstigsten Unity Assets zusammengeklaubt, ist die Atmosphäre des Gesamtwerks aber unglaublich stimmig.

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Spoilerfrei mit Vertrauensvorschuss

Rein strukturell ähnelt The Missing narrativen Puzzle-Platformern wie Limbo oder Inside, lässt diese aber sowohl spielerisch, als auch erzählerisch im Staub zurück.

Selbst ein Hype-Titel wie God of War (2018) – von vielen Stimmen als eine Revolution des Storytellings gelobt – kann mit der Stringenz und Relevanz von The Missing nicht mithalten.

Allein auf die Themen einzugehen, die The Missing behandelt, wäre ein zu großer Spoiler. Wer meinem Wort vertraut und die 25€ locker hat, sollte hier aufhören zu lesen und sich das Spiel einfach blind kaufen… 25€ sind viel Geld für solch einen Sprung ins kalte Wasser – ich selbst habe ihn auch nur mit einem dicken Rabattcode auf eBay gewagt. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass The Missing jemanden enttäuscht, der auch nur annähernd auf diese Art von Spiel steht.

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Im Gegensatz zu den vagen Geschichten von Limbo oder Inside brilliert The Missing durch eine facettenreiche Erzählung über Fragen rund um Identität und Diskriminierung. Es beweist dabei mehr Fingerspitzengefühl als ich einem solch skurrilen Spiel je zugetraut hätte. Allein die optionalen Smartphone-Dialoge triefen derartig vor Subtext, dass ich mich zusammenreißen muss, hier nicht auf sie einzugehen. Nie wieder werde ich ein Spiel vorschnell verurteilen, nur weil es einen anthropomorphen Elch-Doktor enthält.

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Gameplay-Spoiler…? Lieber nicht.

Wer sich bisher auch nur entfernt für The Missing interessiert hat, kennt sicherlich die Prämisse der Puzzles. Auf die geringe Chance hin, hier gerade einige komplett unwissende Leser/innen zu haben, werde ich aber selbst diesen Aspekt im Dunkeln behalten. Wenn schon spoilerfrei, dann richtig!

Dementsprechend bleibt mir nur zu loben, wie elegant The Missing die Kernmechanik seines Gameplays mit den Leitthemen der Erzählung verwebt. Nebenbei hatte ich zu 90% der Zeit sogar tatsächlich Spaß am Entschlüsseln der Puzzles.

Die Rätsel sind originell genug, um über die knapp fünf Stunden Spielzeit immer wieder zu überraschen und treffen den perfekten Grad an Herausforderung… Lob, welches sich viele Genre-Kollegen nicht verdient haben. Keine Sorge – mein empfindlicher Sensor für Bullshit-Rätsel à la The Fall ist hier nicht ausgeschlagen. Die Bildsprache sowie die Anforderungen der Puzzles sind in The Missing (bis auf eine Stelle) immer eindeutig.

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Nicht überzeugt?

The Missing hat mich von der ersten bis zur letzten Sekunde gefesselt. Dabei habe ich den Kauf selbst lange hinausgezögert. Aber so ist das eben mit Spielen, die ihre Trumpfkarte bis zum Schluss im Ärmel behalten.

Falls euch meine kleine Empfehlung nicht überzeugt hat: Ich kann es verstehen. Dennoch solltet ihr diesen kleinen Titel für zukünftige Sales im Hinterkopf behalten. Falls ihr in dieser Zeit über Spoiler stolpern solltet: Fight Club macht auch beim zweiten Gucken Spaß – der Schockeffekt bleibt aus, aber eine aufgeklärte Perspektive macht die Analyse aller erzählerischen Details noch spaßiger. Fürs interaktive Medium gilt dies gleich doppelt.

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Titelbild: Promo-Artwork
Screenshots: Eigene Screenshots per Nintendo Switch