Pokémon lieben den Kampf. Diese Propaganda versuchen Game Freak und Nintendo uns seit über 20 Jahren einzuhämmern. Wieso es okay ist, süße Tierchen mit Angriffen wie Guillotine, Feuersturm oder Toxin gegeneinander antreten zu lassen, muss aus spielerischer Sicht gar nicht hinterfragt werden. Und doch habe ich während der letzten Jahre angefangen, ein wenig zu viel über diese Thematik nachzudenken…

46628046_2438442559503162_2542118312741961728_o.jpg

Ich kann mich immer noch daran erfreuen, wie befriedigend es sich rein spielmechanisch anfühlt, irgendwelchen Hillbillys in Red Dead Redemption 2 Kopfschüsse zu verpassen oder in Bayonetta mit grotesken Folterapparaten Engelswesen entzwei zu reißen. Doch habe ich, simultan mit einer entsprechenden Strömung im allgemeinen Spielejournalismus, angefangen, Gewalt in Spielen ein wenig reflektierter zu betrachten. Ich habe mir das nicht einmal vorgenommen – es ist einfach so passiert. Besonders Werbekampagnen wie die von Battlefield V, welche die „epischen Schlachten“ des zweiten Weltkriegs glorifiziert, lösen bei mir mittlerweile einen leichten Würgereflex aus.

Nun beinhaltet die Pokémon-Reihe allerhöchstens Gewalt, welche man mit dem Fachterminus „cartoon violence“ klassifizieren würde. Und doch macht es mich ein wenig betroffen, achtlos etliche Pokémon wegzuklatschen, nur um den Level meines eigenen Teams zu erhöhen. Wo war der Berg von über 100 bewusstlosen Georok, als ich damals in Pokémon X/Y täglich stundenlang auf denselben zwölf Quadratmetern der Siegesstraße gelevelt habe?

Ja, angeblich wollen Pokémon kämpfen. Das haben uns dutzende NPCs über die Jahre immer wieder einzutrichtern versucht. Und sicherlich gibt es auch diverse Pokémon – vor allem die des Typs Kampf – welche für den Wettkampf leben. Gleichzeitig gibt es aber genauso viele Pokémon, zu deren Gemüt dieser Kampfeifer absolut nicht passt. Was ist mit den Flegmon, Hoppspross und Letarking der Pokémon-Welt, die einfach nur ungestört ihr Dasein fristen wollen? Ja, die Relaxo auf den Routen 12 und 16 der Kanto-Region haben uns gewaltsam attackiert… doch erst, nachdem wir sie mit der Pokéflöte aus dem Schlaf gerissen und mit Angriffen wie Furienschlag oder Blutsauger malträtiert haben.

46651183_2438442569503161_7757037122162262016_o.jpg

Da finde ich es erfrischend angenehm, wie gewaltfrei die neuen Pokémon Let’s Go-Spiele Begegnungen mit wilden Pokémon handhaben. Endlich findet kein abgeschwächtes Äquivalent des „hunting for fun“ mehr statt. Vorbei sind die Zeiten, in denen man Tiere tötet, nur um deren Kadaver „unverwertet“ in der Wildnis verrotten zu lassen… im übertragenen Sinne natürlich.

„Aber es wird doch immer noch gegen Trainer gekämpft!“, mögen nun die einen oder anderen schreien. Und ja, es existieren hier noch die altbekannten Parallelen zum Hahnenkampf, aber an dieser Stelle ist es einfacher, der Pokémon-Reihe einen kleinen Vertrauensvorschuss zu geben. Schließlich haben Pokémon in Trainer-Kämpfen Besitzer, welche ihre Schützlinge im Falle der Bewusstlosigkeit umgehend zu einem Pokémon Center bringen.

Doch zumindest den wilden Pokémon wird in Pokémon Let’s Go Pikachu und Let’s Go Evoli kein einziges Haar mehr gekrümmt. Anstatt sie, wie in sämtlichen Pokémon-Spielen zuvor, zu bekämpfen, dürfen sie nun nur noch mittels Köder und Pokéball gefangen werden.

jhmuofyoju8shfiavypk.png.jpeg

Das ist eine noch effizientere Lösung, als die Zeile „[Pokémon Name] wurde besiegt“ am Ende jedes Kampfes durch „[Pokémon Name] wurde in die Flucht geschlagen“ zu ersetzen. Dies wäre bisher meine präferierte Lösung zur Entschärfung der „Wilderei-Problematik“ gewesen und hätte in den vergangenen Generationen impliziert, dass die Spieler lediglich das nötige Maß Gewalt zur Selbstverteidigung angewandt hätten – eben bis das Pokémon, welches einen im Gras angesprungen hat, in die Flucht geschlagen wurde.

Die Reduzierung der Kämpfe gegen wilde Pokémon auf eine Pokémon Go-ähnliche Fangmechanik funktioniert in den Pokémon Let’s Go-Editionen spielerisch deutlich besser als erwartet. Das Fangen eines wilden Pokémon hat ungefähr denselben Grad an Anspruch und Spannung wie in vorherigen Teilen. Ein Raupy zu fangen, ist weiterhin langweilig. Ein Abra zu fangen, ist weiterhin aufregend – diesbezüglich hat sich nicht viel verändert.

Der einzige Dorn in meinem Auge ist der, welcher auch schon dafür gesorgt hat, dass ich die Lust an Pokémon Go verloren habe: Die Verlockung, jedes Pokémon zu fangen, ist einfach so groß, dass die Absurdität der ganzen Situation mich aus dem Spiel reißt. In einem Kampfsystem, welches den Spielern nur zwei Optionen lässt – fangen oder flüchten – sieht man sich relativ früh im Spielverlauf mit einer Pokémon-Box voller unterleveltem Geschmeiß der Sorte Rattfratz oder Taubsi konfrontiert. „Wenn ich schon in einen Kampf gerate, kann ich das Pokémon auch eben fangen.“

46700046_2438442562836495_7399488666797604864_o.jpg

In diesem Sinne finden wir hier eine neue Art der Poké-Wilderei, in welcher Trainer ganze Landstriche unschuldiger Tierwesen ihrem Habitat entreißen. Nur, um sie anschließend auf Nimmerwiedersehen in einen artifiziellen Lebensraum schicken, welcher irgendwo im Nirgendwo von Professor Eich, Bill oder sonst wem verwaltet wird. Eine sinnlose Raffgier, welche die Völlerei des Spätkapitalismus in die Pokémon-Welt überträgt.

46737379_2438442549503163_5583041654656335872_o.jpg

Gute Samariter könnten nun jedes einzelne gefangene Pokémon, welches nicht benötigt wird, manuell wieder freilassen… doch wer macht sich diese Mühe schon? Vor allem, wenn das User Interface der Pokémon-Reihe bis heute irgendwo in den frühen 2000ern feststeckt. Diese Art der ludonarrativen Dissonanz ist mein bisher größter Kritikpunkt an Pokémon Let’s Go… Neben der verpflichtenden Bewegungssteuerung, der arbiträren Beschränkung auf einen Joy-Con, dem lächerlichen Schwierigkeitsgrad, der biederen Präsentation… Ich schweife ab.

Ich hoffe, niemand nimmt diesen kleinen Rant über die Ethik der Kämpfe gegen wilde Pokémon zu ernst. Ich selbst tue dies schließlich auch nicht. Ich nehme diese Problematik allerhöchstens ernst genug, um ab und an mal drüber nachzudenken, die Stirn zu runzeln und das Ganze dann zu verdrängen. Denn im Falle von Pokémon kann man vielleicht wirklich ausnahmsweise sagen: „Es ist doch nur ein Spiel!“ Dennoch macht es manchmal Spaß, ein bisschen zu ausführlich über bestimmte Dinge nachzudenken. Vor allem, wenn es um eine Spielereihe geht, welche viele Spieler ihr ganzes Leben über begleitet hat.


Quelle Titelbild: Cover Artworks aus offiziellem Presskit