Erstveröffentlicht auf Spielkritik.com am 4. November 2018.


Sid Meier sagte mal, ein Spiel sei eine Reihe bedeutungsvoller Entscheidungen. Der Name Sid Meier ist nun keiner, den man üblicherweise mit Open World-Spielen assoziieren würde. Und doch lässt sich sein Zitat hervorragend auf dieses Genre anwenden.

Geht man davon aus, dass ein Open World-Spiel spannender wird, je mehr bedeutungsvolle Entscheidungen es den Spielern über einen bestimmten Zeitraum abverlangt, spielt Insomniacs Spider-Man (2018) garantiert in der Königsklasse. Allein durch das Netzschwingen als primäre Fortbewegungstechnik fordert es vom Spieler Entscheidungen im Sekundentakt, allein um von A nach B zu gelangen. Schwinge ich an diesem Gebäude um die Ecke? Katapultiere ich mich an diesem Laternenmast entlang? Dass diese Entscheidungen nach kurzer Eingewöhnung schon fast intuitiv von statten gehen, macht sie nicht weniger „bedeutungsvoll“.

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Die Spieler sind bei Spider-Man permanent gefordert, weil das Spiel so außerordentlich input-lastig ist und hochfrequentierte direkte Interaktion mit der Spielwelt fordert. Dieser extreme Grad an Spielerexpression ist der Grund, weshalb Spider-Man sich so positiv von allen anderen Genre-Vertretern abhebt.

Bewegt man sich nun unmittelbar von Spider-Man ins nächste große Open World-Spiel des Jahres 2018, Rockstar Games’ Red Dead Redemption 2, fühlt sich das erstmal an wie ein Sprung ins kalte Wasser. Monotones Reiten durch die Prärie mit eingestreuten generischen Deckungsshooter-Gefechten. Ich werde es an diesem Punkt gar nicht weiter schönreden: Ich habe Red Dead Redemption 2 anfangs nicht nur kritisiert – ich habe es gehasst.

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„Wie AAA-Valium“ – Zitat: Ich, vor einer Woche

Red Dead Redemption 2 nimmt sich Zeit. Viel Zeit. Die ersten paar Stunden fühlen sich an, als hätten die Entwickler versucht, ein lineares Action-Spiel á la The Last of Us in ein Open World-Gerüst zu pressen. Endloses Reiten durch die Wildnis ohne jegliche signifikante Interaktion (man hält buchstäblich nur den X-Knopf gedrückt), Tutorials über Tutorials… Bis man zum ersten Mal in der tatsächlichen Open World ankommt, vergehen knapp über zwei Stunden. Selbst andere Rockstar-Spiele waren da deutlich flotter unterwegs.

Das i-Tüpfelchen ist Rockstars berüchtigte „Sandsack-Steuerung“, welche das Gewicht und die physikalische Beschleunigung des Spielercharakters im Handling der Steuerung simuliert… für eine authentische Verankerung in der Spielwelt – versteht sich ja von selbst. Das Ergebnis ist ein extrem behäbiges Spiel, welches sich noch behäbiger steuert. Klingt jetzt tatsächlich erstmal besorgniserregend, doch ich fürchte, der Fehler lag bei mir.

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Red Dead Redemption 2 ist ohne Zweifel eines der langsamsten – wenn nicht sogar das langsamste – Mainstream-Spiel der letzten Jahre. Da wird die eigene Erwartungshaltung erstmal hart auf die Probe gestellt. Besonders, wenn man, so wie ich, noch einen Abend zuvor die Sidequest-Checkliste von Spider-Man abgearbeitet hat.

Will man RDR2 genießen, muss man das Spiel komplett anders angehen als sonstige AAA-Titel. RDR2 verlangt von seinen Spielern ein immenses Zeitinvestment. Allerdings ist es keines dieser arbiträr gestreckten Spiele, welche die Zeit der Spieler leichtsinnig verschwenden. RDR2 respektiert seine Spieler. Es will aber auch selbst von den Spielern respektiert werden.

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Der teuerste Walking Simulator aller Zeiten

Rockstar verfolgte mit diesem Spiel eine klare Vision, welche sich vom sonstigen Open World-Einheitsbrei abhebt. RDR2 ist weder eine Ubisoft-Checkliste, noch eine spielerfokussierte Machtfantasie, wie praktisch jedes andere Mainstream-Actionspiel der letzten Jahre – von Far Cry bis Super Mario Odyssey. Der Protagonist von Red Dead Redemption 2, Arthur Morgan, ist durchaus eine Figur gewisser Stärke und Überlegenheit. Im Gesamtkontext des Spiels ist er jedoch ein Wurm.

Am deutlichsten wurde mir dies, als ich während meiner ersten paar Stunden mit RDR2 nachts allein an einem Fluss entlang geritten bin. Ich ritt über eine Brücke, um den Fluss zu überqueren und plötzlich sprangen eine Hand voll Banditen aus einem Hinterhalt, um mir mein Hab und Gutabzuknöpfen. Ich hatte die Option, mich zu ergeben und ihnen Wegzoll zu bezahlen. Natürlich entschied ich mich aber instinktiv dazu, RDR2 wie jedes andere Open World-Spiel zu spielenund zückte meine Waffen. Ich konnte gar nicht so schnell gucken, da lag Arthur Morgan schon als Schweizer Käse am Boden… und ich habe durch meinen Tod mehr Geld verloren, als die Banditen als Wegzoll verlangt hätten.

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Kurze Zeit später wurde mir klar, dass diese Simulation einer fiktiven Welt im Wilden Westen die größte Stärke des Spiels war. Genau das war es, was Rockstar hier verwirklichen wollte. Holzfäller retten, deren Beine von einem Baumstamm zerquetscht wurden… Wanderern Schlangengift aus der Wunde saugen… Red Dead Redemption 2 weist mit seinen unzähligen Mininarrativen am Wegesrand und seinem stark ausgeprägten Emergent Storytelling größere Parallelen zur Yakuza-Reihe oder Kingdom Come Deliverance auf, als zur GTA-Reihe. Auch die geradezu lächerlich detailliert gestaltete Spielwelt dient zu 100% der Immersion des Spielers. Seit diesem Moment der Erleuchtung empfand ich RDR2 als unfassbar faszinierend.

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Plötzlich habe ich das entspannte Spieltempo von ganzem Herzen umarmt und mir vorgenommen, mich einfach auf die ungewöhnlichen Mechaniken des Spiels einzulassen – selbst wenn das Gameplay an gewissen Stellen unter dem zunächst arbiträr erscheinenden Realitätsanspruch leiden muss. Anfangs hat es mich noch genervt, dass ich immer darauf achten muss, mein Pferd nicht zurückzulassen, weil essich nicht wie in The Witcher 3 oder Assassin’s Creed Origins auf Knopfdruck durch die Welt teleportieren kann. Mittlerweile habe ich gerade durch diese Verpflichtungen gegenüber meinem Ross eine echte emotionale Verbindung zu dem hässlichen Gaul aufgebaut, den ich zu Beginn des Spiels abschätzig „Blue Balls“ taufte.

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Erst nach über acht Stunden wurde mir klar, dass Red Dead Redemption 2 bei mir ein bisher ungesättigtes Verlangen stillt: Ich wollte ein Big Budget-Spiel, welches ausnahmsweise nicht den Kampf als Hauptschwerpunkt hat. Action ist in RDR2 zweitrangig. Es ist durchaus möglich, über eine Stunde zu spielen und dabei kein einziges Mal eine Waffe abzufeuern. Zwar enden besonders im späteren Handlungsverlauf immer noch zu viele Missionen in ausufernden Schießereien, die narrativ nicht zwingend notwendig gewesen wären, aber im Gegensatz zu anderen Spielen verliert die Gewalt nie ihr Gewicht.

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Die Brutalität wird nie auf so groteske Weise verherrlicht wie in einem GTA. Viele der jüngeren Charaktere in Red Dead Redemption 2 sprechen von Raubüberfällen und Feuergefechten als wären sie ein spaßiger Zeitvertrieb. Die älteren Semester, allen voran Protagonist Arthur Morgan, betrachten die Gewalt deutlich reflektierter und kritisieren die jungen Hitzköpfe fast immer, sobald diese das Gemetzel zu sehr zelebrieren. Dass RDR2 dadurch nicht gleich zum gewaltkritischen Spiel wird, sollte an dieser Stelle nochmal klargestellt werden. Dennoch behandeltes die Gewaltproblematik moderner Spiele mit mehr Fingerspitzengefühl als vergleichbare Titel.

Insgesamt wirkt das Writing von RDR2 deutlich authentischer als das eines GTA. Statt der überdrehten und häufig uneleganten Satire eines GTA5 erwartet die Spieler in RDR2 ausführliches Character Building mit viel Feingefühl. Auch die Spielwelt hat einen höheren Realitätsanspruch, selbst wenn RDR2 den realen US-Westen des Jahres 1899 nicht 1:1 widerspiegelt. Immerhin scheut das Spiel nicht davor zurück, Themen wie den Sklavenhandel oder das Schicksal der Native Americans zu behandeln. (Eigentlich eine Selbstverständlichkeit bei diesem Setting, aber in der aktuellen AAA-Landschaft muss man das ja trotzdem hervorheben.)

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Unterm Strich bleibt festzuhalten, wie erfreulich es ist, dass Rockstar die GTA5-Milliarden nicht benutzt hat, um einen 1:1-Klon von GTA5 im Western-Setting zu kreieren. Für ein Spiel dieses Budgets ist Red Dead Redemption 2 geradezu avantgardistisch – vor allem, wenn man bedenkt, wie unfassbar breit die Zielgruppe des Spiels ist. Ich persönlich war nie ein riesiger Rockstar-Fan und habe die Spiele des Studios stets eher gespielt, um Teil des großen Diskurses zu sein, welcher bei jedem neuen monolithischen Release entsteht. Vielleicht war ich unter anderem deswegen so leichtfertig bereit, RDR2 vorschnell zu verteufeln. Doch letztendlich avancierte sich das Spiel zum ersten Rockstar-Titel, welchen ich nicht für komplett overhyped erachten würde.

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