Die aufregendsten Spiele sind häufig solche, die völlig auf klassische Genre-Konventionen pfeifen. So auch CrossCode vom deutschen Indie-Entwickler Radical Fish Games, welches sich – wollte man es in klassische Genres einordnen – am ehesten als Action-JRPG beschreiben ließe.

Ein JRPG aus Deutschland? Ich muss zugeben, dass ich erst kurz nach Release des Spiels auf CrossCode aufmerksam geworden bin. Die jahrelange Early Access-Phase ist komplett an mir vorbeigegangen. Mein erster Berührungspunkt mit CrossCode in einer der Sonntagsfolgen des Auf ein Bier-Podcasts hat mich dann schließlich so sehr beeindruckt, dass ich das Spiel kurze Zeit später – wer mich ein wenig kennt, wird es kaum glauben – für meinen Laptop gekauft habe. Ich konnte den angekündigten PS4-Release (Frühjahr 2019) schlicht nicht mehr abwarten.

Ich bin jemand, für den schon knapp sechs Stunden Undertale auf Nicht-Konsole die reinste Tortur darstellten – einfach, weil ich grundsätzlich eher Konsolen-affin bin. Dass es mir in diesem Fall absolut nichts ausgemacht hat, knapp 30 Stunden CrossCode mit gelegentlichen Framedrops auf meinem flachbrüstigen MacBook zu spielen, sollte eigentlich schon Lob genug für das Spiel sein. Auch dass ich mich so spontan an einem Sonntagmorgen – wenige Tage, nachdem ich das 55-stündige Dragon Quest XI beendet habe – gleich ins nächste RPG gestürzt habe, spricht für die Überzeugungskraft der Grundprämisse CrossCodes.

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Der No Bullshit-Ansatz

CrossCode ist das mit Abstand frischeste und originellste Spiel, welches ich seit langer Zeit gespielt habe. Es kombiniert die Stärken diverser Genres zu einem einzigartigen Gesamtpaket, welches ich in dieser Form noch nirgendwo anders gesehen habe. Wann kann man das – gerade zu Zeiten der extremen Medienkonformität – schon von einem Spiel behaupten?

Rein visuell erinnert der 16-bit-Stil des Spiels stark an klassische JRPGs. Der RPG Maker-Look könnte einige Spieler auf den ersten Blick ein wenig abschrecken, funktioniert (bis auf wenige gewöhnungsbedürftige Charakterdesigns) aber durchs gesamte Spiel hinweg absolut hervorragend. Generell ist die Welt, die in CrossCode geschaffen wird, sowohl atmosphärisch als auch konzeptionell faszinierend.

Zugegeben, die Spiel-im-Spiel-Metanarrative über das fiktive MMO CrossWorlds erfordert anfangs ein wenig suspension of disbelief. Grob zusammengefasst geht es um ein MMO, welches in einem abgegrenzten Bereich der realen Welt mittels physischer Avatare gespielt wird. Diese Avatare sind mit allen fünf Sinnen ihrer Spieler verbunden – nur  der Real-Life-Hintergrund der Protagonistin Lea ist ein großes Rätsel, welches es über den Spielverlauf zu lösen gilt. Sobald man sich an das ausreichend plausible Setting gewöhnt hat, bietet CrossCode eine der spannendsten und bestgeschriebenen JRPG-Geschichten dieses Jahrtausends – inklusive zahlreicher Wendungen und philosophischen Dilemmata. Vor allem die Interaktion zwischen den Charakteren wirkt durch die Verwendung von autoscrollenden Textboxen während des Gameplays wunderbar organisch.

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Der ausschlaggebende Faktor bezüglich des Writing ist wohl, dass CrossCode kein waschechtes Japan-RPG ist, sondern von einem deutschen Team geschrieben wurde. So wirken die Dialoge für westliche Spieler ungewohnt authentisch und verlieren vor allem die JRPG-typische Geschwätzigkeit. Hier sitzt nahezu jede Zeile. Es kommt nur selten vor, dass eine Zwischensequenz zum stupiden Textboxklicker wird. Vielleicht habe ich mittlerweile einfach eine niedrige Toleranz für das übliche JRPG-Geschwafel. Aber die Genrevertreter, bei denen ich von Anfang bis Ende in die Geschichte investiert war, lassen sich an zwei Händen abzählen.

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Das Dark Souls der Enter the Gungeon-like MMOJRPGs

Auch im Gameplay wurden etliche der etwas verbrauchten JRPG-Klischees einfach über Bord geworfen. CrossCode hat sämtliche Stärken eines guten JRPGs, aber keine der üblichen Schwächen. Das beginnt beim grandiosen Action-Kampfsystem und endet im famosen Level Design.

Die Gefechte in CrossCode spielen sich ähnlich einem typischen Twin-Stick-Shooter (z.B. Enter the Gungeon oder Geometry Wars), zeichnen sich aber durch eine enorme spielerische und expressive Tiefe aus. Sinnvolle Charakterindividualisierung, eine große Fülle intuitiver Spezialangriffe sowie abwechslungsreiches Gegnerdesign führen zu einem der spannendsten 2D-Kampfsysteme, die ich je gespielt habe. Die Übersicht oder das Pacing einiger Bosskämpfe mögen nicht immer perfekt sein. Aber die Frustmomente werden nie annähernd so groß, dass sie den Gewinn an Nervenkitzel nicht wert wären.

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Auch die Oberweltareale – von den riesigen Erkundungsgebieten bis zu den Städten –  haben ein wenig mit Übersichtlichkeitsproblemen zu kämpfen. Mit ihrer ausgeprägten Vertikalität und Interaktionsmöglichkeiten an jeder Ecke fühlt sich die Spielwelt eher nach Action-Adventure denn nach JRPG an. In welchem JRPG gibt es schon Platformingeinlagen in nahezu jedem Areal? Zuweilen wird die Erkundung der Oberwelt beinahe zu komplex. Doch auch an dieser Stelle ist die schiere Originalität von CrossCode genug, um selbst auf Dauer zu überzeugen. Es gibt außerdem keinen Zwang, jeden letzten Winkel zu erkunden.

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Mein persönliches Highlight waren die Dungeons des Spiels, welche der klassischen Zelda-Formel folgen. An dieser Stelle sei angemerkt, dass ich seit jeher der Typ Zelda-Fan war, der einige Zelda-Titel am liebsten nur auf die Dungeons runterdestilliert hätte. Und Dungeons bietet CrossCode in Hülle und Fülle. CrossCodes Dungeons sind lang und anspruchsvoll. Wer sich schon in Zelda durch die Verliese quälen musste, wird hier vermutlich durch die Hölle gehen.

Für Dungeon-Junkies wie mich bietet CrossCode allerdings regelrechten Dungeon-Porn. Die schiere Länge einiger Dungeons spitzt sich im späteren Spielverlauf auf geradezu absurde Ausmaße zu. Dies führt zu den intensivsten Dungeonerfahrungen seit den Game Boy Color-Zeldas Oracle of Ages und Seasons. Auch das Design der Rätsel knüpft in Sachen Kreativität, Originalität und Genialität genau dort an, wo die Zelda-Reihe vor Wind Waker aufgehört hat. CrossCode bietet die besten Zelda-Dungeons, die nicht unter Nintendo entstanden sind.

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Deutschland kann auch Konsolenspiele

Das liest sich jetzt ein wenig wie eine bezahlte Auflistung von Superlativen. Vielleicht bin ich auch nur so extrem euphorisch, weil CrossCode bei mir einen Nerv getroffen hat. Dennoch bin ich absolut begeistert davon, was passiert, wenn man die Magie eines JRPGs mit dem modernen Gameplay westlicher Indie-Titel kreuzt. CrossCode ist nicht perfekt und gerade Elemente wie das hoffnungslos überkomplizierte Handelssystem oder die unzähligen generischen Sidequests sind vielleicht auf die falsche Weise „typisch deutsch“. Die positiven Aspekte des Spiels – allem voran seine ungebrochene Originalität – wiegen jegliche Makel jedoch dreifach auf.

Andre Peschke – bekanntlich kein Mann des unbedachten Lobes – bezeichnete CrossCode am Ende seiner Auf ein Bier-Kritik als eines der besten deutschen Spiele. Ich persönlich gehe sogar noch einen Schritt weiter. Für mich, der nichts mit den traditionell PC-orientierten Genres vieler deutscher Produktionen (Simulationen, WRPGs, Point and Click-Adventures, etc.) anfangen kann, ist CrossCode mit seinem von klassischen Konsolenspielen inspirierten Ansatz das beste deutsche Spiel, das ich je gespielt habe. Ich bin zugegebenermaßen kein Profi auf diesem Gebiet, aber ehre, wem Ehre gebührt.


CrossCode – verfügbar auf PC, Mac, Linux und (ab 2019) PS4
Entwickler: Radical Fish Games
Publisher: Deck 13 Interactive

Kauft das Spiel auf GOG.com, itch.io (momentan sogar im Sale), im HumbleStore oder auf Discord (auch hier grad günstiger) um Steam nicht noch weiter in seiner Monopol-Position zu unterstützen. (Keine Affiliate-Links)

Quelle Bilder: Eigene Screenshots u. Presskit