Zuerst einmal sei gesagt, dass Young Adult-Romane kein Genre sind, mit dem ich sonderlich viel Erfahrung habe. Ich habe diesen Roman ziemlich spontan gekauft, weil die Autorin ihn unter einem ihrer Tweets, der zufällig viral ging, beworben hat und die Prämisse interessant und originell klang. Ziemlich willkürlich, ich weiß – aber Versuch macht klug.

In Brittany Evans’ Simply an Enigma geht es um die Liebesbeziehung eines ungleichen jugendlichen Paares. Die Protagonisten Julian und Quinn, aus deren Perspektive die Geschichte abwechselnd erzählt wird, definieren sich jeweils durch ihre emotionalen Laster. Während Julian – ohne sich dessen bewusst zu sein – asexuell ist, versucht Quinn, sich trotz ihres starken Sexualtriebs in das soziale Umfeld ihrer High-School einzugliedern. Julian verzweifelt also an der eigenen Selbstfindung sowie dem Druck seiner toxischen Chauvinisten-Freunde, während Quinn mit einem geradezu absurden (aber dennoch nur allzu realistischen) Grad an slut shaming zu kämpfen hat.

Sie werden also von ihrem Umfeld dazu gezwungen, miteinander auszugehen – der eine, um seine Männlichkeit durch Sex zu bestätigen, die andere, um den gesellschaftlichen Ansprüchen an ihre Weiblichkeit durch vorübergehende Monogamie gerecht zu werden. Natürlich verlieben sich die beiden nach kurzer Zwangsverkupplung aufrichtig ineinander. Doch dies ist erst der Anfang der Probleme, welche durch diese ausgeklügelte Ausgangssituation entstehen.

Der Plot des Romans ist grundsätzlich ziemlich solide. Ja, er folgt ziemlich starr dem Schema einer klassischen Romanze. Doch die erzählerischen Elemente, die durch die Umstände der Charaktere eingeführt werden, reichen aus, um die Geschichte bis zum Ende nicht einschlafen zu lassen. Der einzige Punkt, an dem der Erzählfluss ein wenig ins Stolpern gerät, ist der Anfang, welcher zu sehr nach generischer Teenage-Lovestory anmutet. Doch auch diese Längen fungieren letztlich als adäquater Aufbau für die exzellente zweite Hälfte.

Mein größter Kritikpunkt an Simply an Enigma wäre tatsächlich der Schreibstil, welcher sich stellenweise ein wenig unbeholfen anfühlt. Möglicherweise liegt dies an den Konventionen des Genres oder an der Zielgruppe – ich weiß es nicht. Sind Jugendromane heutzutage wirklich noch nur für Jugendliche? Ich denke, es ist nicht unangemessen, hier Kritik zu äußern.

So kommt es nicht selten dazu, dass der Ich-Erzähler-Monolog des jeweilig agierenden Protagonisten übermäßig starke erklärende Züge annimmt. Hier einmal ein Beispiel:

„Man, was I grateful for Ian. He never got angry. He always understood my thoughts and feelings and was empathetic toward them. He never made me feel stupid for anything I did or said. He could read me like an open book. I wish everyone was more like him.“ (S.88)

Natürlich, was Julian hier sagt, ist wahr. Aber hätte er den Empfängern seines Gedankenstroms nicht zutrauen können, selbst zu dem Schluss dieser Aussage zu kommen? Alles, was hier gesagt wird, lässt sich nämlich von einem halbwegs aufmerksamen Leser aus der dem Zitat unmittelbar vorausgegangenen Interaktion kinderleicht ableiten. Erklärende Stellen wie diese kommen, besonders in der ersten Hälfte des Romans, viel zu häufig vor.

Dann wären da noch die erklärenden Passagen, die schlicht unnötig predigend wirken. So wie diese hier:

„Words like ’slut‘ and ‚whore‘ dehumanized woman… The worst part was that it’s so ingrained in our society that so many people are unaware of the hurt, fear, and isolation it created.“ (S.126)

Dass ich diese Stellen kritisiere, bedeutet keineswegs, dass ich der inhaltlichen Aussage dieser Zeilen widersprechen wolle – ganz im Gegenteil. Ich hoffe, ich muss nicht betonen, dass ich die Werte, die dieser Roman vermittelt, uneingeschränkt befürworte. Doch normalerweise werden ähnliche Botschaften in vergleichbaren Romanen größtenteils auf einer impliziten Ebene vermittelt. Leser, die es bis zu Seite 126 geschafft haben, interessieren sich doch vermutlich genug für die Kernthematik des Buches, um zu dem Schluss gekommen zu sein, dass slut shaming verwerflich ist, ohne dass man es ihnen mit erhobenem Finger vorkaut. Wie gesagt – vielleicht sind diese spezifischen Stellen an jüngere Leser gerichtet. Doch die meisten Leser in einem Alter von über 14 Jahren sollten über ausreichende Lesekompetenz verfügen um den simplen Subtext dieser Geschichte in seinen grundlegendsten Facetten zu begreifen.

Grundsätzlich ist der Roman nicht zu aufgebläht, aber durch das Entfernen solcher übermäßig geschwätzigen Stellen hätte man den Erzählfluss noch weiter straffen können. Noch dazu hat mich dieses Buch auf keiner Ebene herausgefordert. Es hat mich nicht zum Denken angeregt, sondern hat mir stattdessen genau vorgetragen, wie ich zu denken habe. Das ist per se auch gar nicht so schlimm. Für Sachbücher funktioniert dieser Ansatz schließlich wunderbar und selbst in diesem Roman ist die Botschaft letztlich ja trotzdem angekommen.

Trotzdem bremst diese Erzählweise Fiktion unnötig aus. Ich wurde immer wieder aus der Geschichte herausgerissen und fühlte mich deshalb an vielen Stellen ein wenig gleichgültig gegenüber den Geschehnissen.

Ein anderer kleinerer Kritikpunkt wäre, dass die Hauptcharaktere unglaubwürdig naiv und unaufgeklärt wirken. Klar doch, sie sind Teenager. Aber eigentlich scheinen sie doch ziemlich intelligente Köpfe zu sein. Und mit den USA der Gegenwart als Setting wirkt es etwas unglaubwürdig, dass beide noch nie über den Begriff „Asexualität“ gestolpert sein sollen oder nicht zumindest auf die Idee kamen, Julians Probleme mal bei Google einzugeben.

Wenn Julian nach einer komplett vorhersehbaren Wende sagt „I just stood there in disbelief at the turn tonight took“ (S.218) oder wenn er aufrichtig überrascht darüber ist, dass auch Mädchen masturbieren (S.325), muss man sich fragen, wie blauäugig ein Typ seines Alters sein kann.

Diese Kritikpunkte mal beiseite gekehrt, war Simply an Enigma immer noch eine absolut charmante Liebesgeschichte mit einer universell relevanten Botschaft. Vielleicht war ich nicht ganz Teil der Kernzielgruppe, aber ich dachte, es kann ja nicht wehtun, trotzdem ein wenig konstruktive Kritik zu äußern, wo es sich hier doch eh um ein im deutschen Raum ziemlich unbeachtetes Buch handelt.

 

Roman:
Evans, Brittany u. Lauren, Chelsea (Co-Autorin), Simply an Enigma, Represent Publishing, 2018, Kindle-Version.