Ich liebe Billy Talent seitdem Red Flag in Burnout Revenge für die Playstation 2 zum ersten Mal auf meine 12-jährigen Trommelfelle geprallt ist. Somit dürfte diese Band meine erste richtige Lieblingsband™ darstellen, mit welcher ich mich als Heranwachsender bewusst beschäftigt habe. Das besondere an Billy Talent ist für mich, dass ich ihrer Musik – im Gegensatz zu der sehr vieler anderer Bands, die ich damals hart gefeiert hab – nie müde geworden bin. Im Gegensatz zu AC/DC, KISS und Co. schätze ich Billy Talent heute sogar noch mehr als damals.

Diese Band, die in USA und UK kurioserweise nie annähernd so erfolgreich waren wie in Deutschland, wird häufig dem Punk-Genre (oder Punk-Subgenres) zugeordnet und an dieser Stelle möchte ich kurz einwerfen, dass ich persönlich nicht der größte Punk-Fan bin.

Dennoch schätze ich die Texte Billy Talents, welche sich häufig mit Themen gesellschaftlicher oder politischer Relevanz auseinandersetzen. Der Unterschied zu anderen Bands liegt im Fall von Billy Talent darin, dass sich ihre Ideale nur auf vergleichsweise subtile Weise in ihren Songs widerspiegeln. Auch wenn ich mich mit den Aussagen der Band so ziemlich allumfassend identifizieren kann, möchte ich beim tausendsten Hören eines Lieds nicht immer wieder den Moralhammer über den Kopf gezogen bekommen.

Billy Talent finden meiner Meinung nach den perfekten Mittelweg. Selbst beim drölfzigsten Genuss von Devil in a Midnight Mass, Fallen Leaves oder River Below erkenne ich in den Texten in erster Linie ein bildgewaltiges, ergreifendes Szenario oder in den weniger aufgeladenen Songs schlicht phonetisch ansprechenden Klang. Erst wenn ich sie bewusst hören will (was auch häufig genug vorkommt, aber halt nicht immer), tritt die Sozialkritik in den Vordergrund.

Die besten Billy Talent-Songs (von denen es mehr gibt als ich an zwei Händen zählen könnte) bieten gesangstechnisch – sowohl lyrisch, als auch melodisch – das komplette Paket: Eloquente Strophen, die nie zu prätentiös oder kompliziert klingen, werden getragen von eingängigen Melodien, denen es nie an interessanten Nuancen mangelt. Bombastische, häufig hymnenartige Refrains fungieren währenddessen als steile Höhepunkte, welche sich nie abnutzen.

Dass die Musik so einen langen Atem hat, dürfte neben den gesanglichen Aspekten vor allem am erstklassigen musikalischen Fundament liegen, welches mir selbst nach einem Dutzend Jahren kein Fünkchen langweilig geworden ist.

Billy Talent unterscheiden sich allein dadurch von anderen Vertretern der Punk-Subgenres, dass ihr Songwriting so ausgefeilt ist und ihr Soundspektrum so ein breites Timbre umfasst. Abgesehen davon, dass sie mit Ben Kowalewicz einen Sänger mit einzigartiger (und polarisierender) Stimme haben, der technisch deutlich vielseitiger als viele Genre-Kollegen ist, zeichnet sich der charakteristische Billy Talent-Sound vor allem durch die Gitarrenarbeit aus.

Die fürs Punk-Genre vergleichsweise komplexen Riffs und unkonventionellen Akkorde, die Ian D’sa gerne nutzt, haben einen Unterton, den ich selbst im Schlaf binnen Sekunden mit Billy Talent assoziieren würde. Beinahe wie der ikonische Sound des sogenannten Hendrix-Akkords E7(#9) oder der typische AC/DC-Sound, den Angus und Malcolm Young für knapp vierzig Jahre zusammen fabriziert haben. Auch durch seine Gesangsharmonien und Background Vocals trägt Ian D’sa maßgeblich zum einzigartigen Klangbild Billy Talents bei.

Bassist Jonathan Gallant widersetzt sich dem typischen Achtel- und Viertelnoten-Stakkato und geht mit seinen vielseitigen und dynamischen Bassläufen stur gegen Punk-Konventionen vor. (Saint Veronika und Worker Bees – sweet jesus.) Da wirkt das Schlagzeugspiel des langjährigen Drummers Aaron Solowoniuk als i-Tüpfelchen, das immer absolut on point ist, beinahe etwas antiklimatisch. Der neue Schlagzeuger, Jordan Hastings, welcher das an Multipler Sklerose erkrankte Gründungsmitglied seit dem letzten Album Afraid of Heights ersetzen muss, weiß die Fußstapfen souverän zu füllen.

Wenn man sich das alles so durchliest, sind Billy Talent vielleicht eher eine Alternative-Band denn eine Punk-Band. Häufig werden sie schließlich auch als eine solche eingeordnet und… ach, scheiß drauf. Was bedeutet heutzutage schon die Zuteilung in irgendwelche Genres und Subgenres, durch welche ich vor allem im Punk- und Alternative-Bereich absolut keinen Durchblick mehr habe. Egal ob Punk, Alternative, Emo, Hardcore oder was auch immer –  Billy Talent sind schon ein paar echt nette Dudes.


Wer so weit gelesen hat, darf mir gerne noch in den Kommentaren mitteilen, ob Billy Talent II oder Billy Talent III das beste Album ist und wieso – ich bin da bis heute zwiegespalten, auch wenn ich eher in Richtung III tendiere.

Quelle Titelbild: last.fm