Erstveröffentlicht auf Spielkritik.com am 31. August 2018.


Das Mexiko-Metroidvania Guacamelee wurde im Jahr 2013 zurecht als kleiner Geheimtipp gefeiert. Als auf der vergangenen E3 der direkte Nachfolger angekündigt wurde, gab der Enthüllungstrailer jedoch zunächst Grund zur Skepsis. Zum einen, weil es für Indie-Entwickler generell unüblich ist, dem Fortsetzungsmuster des AAA-Markts zu folgen. Zum anderen, weil die Entwickler DrinkBox Studios zuletzt mit Severed (2016) ein innovatives, sich Genre-Beschreibungen widersetzendes Meisterwerk geschaffen haben. Man könnte nun spekulieren, dass Severed zu abstrakt und, trotz der Veröffentlichung auf fünf Plattformen, schlicht nicht der erhoffte Erfolg war. Ist Guacamelee 2 also nur der sichere Weg zur finanziellen Absicherung des Studios?

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Zurück zu den Stützrädern

Es lässt sich nicht von der Hand weisen, dass Guacamelee 2 im direkten Vergleich zu den vorangegangenen DrinkBox-Spielen ein wenig unambitioniert wirkt. Vor allem der Anfang des Spiels wirkt zäh und ermüdend. Für Spieler, die mit dem Erstling vertraut sind, erscheinen die ersten drei Stunden des Spiels über weite Strecken komplett redundant. Denn Protagonist Juan verliert anfangs, in typischer Metroidvania-Manier, sämtliche seiner Fähigkeiten aus dem Vorgänger. So weit, so gut.

Das wäre nicht so schlimm, würde es sich bei dem Großteil dieser meist auf Fortbewegung basierenden Fähigkeiten nicht um Moves handeln, die im Kampfsystem von Guacamelee 2 eine signifikante Rolle spielen. Während das allmähliche Erlernen der neuen Combos schon im Erstling ein wenig zu langsam vonstattenging, artet es im Nachfolger in absolut stupide Unterforderung für jeden halbwegs erfahrenen Spieler aus.

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Abgesehen von den aus dem Vorgänger bekannten Skills gibt es auch über den weiteren Spielverlauf hinweg leider nicht viel komplett Neues zu erlernen. „Ich kann jetzt auch als Huhn diagonal zuschlagen? Innovation!“ Erst im späteren Verlauf des Spiels gibt es zwei, drei Moves zu entdecken, die dem Spielprinzip neuen Schwung verleihen – sowohl in Platformingpassagen, als auch bei der generellen Fortbewegung durch die weitläufige Spielwelt.

Diese Art von Metroidvania-Startproblem ist eine Schwäche, die meist sogar die populärsten Vertreter dieses Genres mit sich herumschleppen. Sowohl Ori and the Blind Forest als auch Hollow Knight lassen sich zu viel Zeit mit dem Verteilen der ersten aufregenden Upgrades. Beide Spiele werden außerdem erst dann richtig flüssig spielbar, wenn die Spielfigur über Doppelsprung und Wandsprung verfügt. Vor allem letzterer sollte im besten Fall zum Standardrepertoire jedes Metroidvanias gehören. Metroid selbst wusste dies schon in den 90ern.

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Metroidvania mit Präzisionshüpferei

Das rettende Element von Guacamelee 2 sind die kontinuierlich abwechslungsreichen Mini-Herausforderungen, die den Spielern in Form von Kampfarenen und Platformingpassagen präsentiert werden. Nahezu jedes der dutzenden Areale wartet mit einem kleinen Kniff auf, der dem Geschehen neue Würze verleiht. Vor allem die Hüpfareale müssen sich in Sachen Kreativität und Nervenkitzel nicht vor Super Meat Boy oder Celeste verstecken. Leider übernimmt Guacamelee 2 – in begrenztem Ausmaß – auch das „Try, Die and Repeat“-Prinzip dieser Spiele. Die (zumindest für ein Metroidvania) häufigen Tode sowie die damit einhergehenden kurzen Schwarzblenden drücken den Immersionsfaktor von Guacamelee 2 gehörig nach unten. Zusätzlich gibt es, dank dieses Ansatzes, eine extrem hohe Anzahl an Checkpoints, welche jegliche Spannung während der Kämpfe trivialisiert.

Aus diesem Grund gibt es auch keine wirklichen Hürden auf dem normalen Schwierigkeitsgrad. Das Trial-and-Error-Prinzip wirkt hier so stark, dass selbst ungeschickte Spieler einfach nur lange genug gegen die Wand rennen müssen, um sie zu durchbrechen. Lediglich die zahlreichen optionalen Abschnitte können gelegentlich minimal kniffliger werden und belohnen den Spieler dafür mit Power-ups im Übermaß.

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Allein die Tatsache, dass die Guacamelee-Reihe so großen Wert auf geschicktes Platforming legt, hebt sie angenehm aus dem sonstigen Metroidvania-Wust hervor. Das einzige Manko der kreativen Hüpfherausforderungen ist, wie schon im Erstling, die wahnwitzige Fingerakrobatik, die für die zahlreichen Buttoninputs nötig ist. Dadurch, dass jede einzelne von Juans Fähigkeiten auf irgendeine Weise fürs Platforming genutzt wird (eigentlich sehr lobenswert!), ist das intuitive Drücken der richtigen Tasten manchmal die größte Hürde.

Währenddessen setzt auch das Gegnerdesign erneut auf exzessive Farbcodierung – Farben, die mit jeweils einem bestimmten Move aus Juans Repertoire verknüpft sind. Dasselbe gilt für Hindernisse in der Spielwelt, wie beispielsweise zerstörbare Wände und Böden. Das Prinzip „Rot = Kinnhaken, Gelb = Kopfnuss, etc.“ mag spielerisch akzeptabel sein, wirkt kontextuell allerdings extrem einfallslos. Die Metroid-Reihe nutzt für verschiedene zerstörbare Wände beispielsweise unterschiedliche Substanzen oder Muster – Sand für Bomben, Fels für Raketen und Ähnliches. Dass Guacamelee 2 die vier Farben des Erstlings noch um zwei zusätzliche Farben erweitert, ist dabei nur der Gipfel des Eisbergs.

Solche Kleinigkeiten außen vor gelassen, muss man die spielerischen Neuerungen mit der Lupe suchen. Auch die wenigen neuen Mechaniken, die das Spiel bietet, erinnern entweder stark an andere Genrevertreter oder sind nur Variationen von Fähigkeiten aus dem ersten Guacamelee.


The Dankest Metroidvania

Ausgerechnet in der Erzählung wagen DrinkBox Studios den größten Schritt nach vorne – leider entpuppt sich dieser jedoch als Fehlschritt. Die Story ist das vielleicht größte Minus im Vergleich zum Vorgänger. Zeitreisen, verschiedene Dimensionen, Charaktere, die in mehreren Dimensionen gleichzeitig existieren… Dass die Autoren hier bewusst over-the-top gehen, ist offensichtlich und funktioniert für einige humorvolle Anspielungen in Nebenhandlungen sogar recht gut. Die Haupthandlung erfährt durch diese aufgesetzte Komplexität mit mehreren Zeitlinien leider absolut keinen Mehrwert.

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Für die eben erwähnten Referenzen zu anderen popkulturellen Entitäten war schon der erste Teil bekannt. In Guacamelee 2 werden diese Witze noch weiter auf die Spitze getrieben. Die Einbindung solcher Anspielungen, Memes und Ähnlichem mag nicht die kreativste Art von Humor sein. Wie besagte Elemente in diesem spezifischen Fall ins Spielgeschehen eingebunden werden, ist allerdings alles andere als uninspiriert. Vor allem, da die Referenzen in Guacamelee 2 häufiger nicht nur erzählerischer, sondern spielerischer Natur sind, entstehen einige positiv überraschende Momente.

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Der zweite Teil ist immer der beste…?

Inmitten der Blütezeit des Metroidvania-Genres hat Guacamelee 2 es als sehr gleichförmiger Nachfolger eines – im Vergleich zu aktuellen Hits – etwas in die Jahre gekommenen Erstlings nicht leicht. Hätten die Entwickler das Spiel noch ein wenig getrimmt, sodass vor allem die anfänglichen Längen ausgebügelt wären, wäre hier ein noch besseres Spiel rausgekommen. Eine Spielzeit von knapp sechs Stunden statt der jetzigen circa acht wäre immer noch eine überaus akzeptable Länge.

In seiner jetzigen Form ist Guacamelee 2 für Fans des Erstlings leider nur begrenzt attraktiv – selbst wenn es im Großen und Ganzen möglicherweise das bessere Spiel ist. Denn wäre Guacamelee 2 außerhalb des Schattens seines Vorgängers erschienen, würden die meisten Kritikpunkte nur halb so schwer wiegen. So, wie es ist, darf man sich allerdings fragen, ob es nicht gereicht hätte, einfach nochmal die Super Turbo Championship Edition des Erstlingswerks zu spielen. Guacamelee 2 dreht das verlachte Fazit-Klischee für deutsche Videospieltests auf den Kopf: Serienneueinsteiger dürfen blind zuschlagen, Fans des ersten Teils spielen Probe.