Vor einigen Tagen kam die neue Singleauskopplung für Paul McCartneys kommendes Studioalbum Egypt Station raus. Diese hört auf den Namen Fuh You und geht weiter in die Richtung des McCartney, der über das gesamte letzte Jahrzehnt hinweg versucht hat, sich aktuellen Musiktrends anzubiedern. (Als hätte man es aufgrund des phonetisch ambivalenten Songtitels nicht schon erahnen können…)

An sich ist „alt trifft jung“ ja auch eine interessante Idee. Einer der größten Songwriter aller Zeiten mischt seine mehr als ein halbes Jahrhundert umfassende Expertise mit den frischesten Talenten der heutigen Zeit. Die Ergebnisse dieser Experimente möchte ich auch gar nicht allzu harsch kritisieren. Ich persönlich fand Songs wie Four Five Seconds (mit Kanye West und Rihanna) oder das herrlich frische Queenie Eye auf McCartneys letztem Album New tatsächlich ziemlich nett. Seine Exkurse in den avantgardistischen Electropop oder seine unentgeltliche Arbeit am Destiny-Soundtrack (ja, das Destiny) waren ebenfalls… interessant. Auch die Songs für sein 2018er-Album Egypt Station sind alles andere als furchtbar. Für meine Ohren klingen sie aber einfach irgendwie… müde.

McCartney war schon lange nicht mehr „cool“ im klassischen Sinne dieses Wortes. Wir reden hier über einen Typen, der Ende der 1960er die Beatles verlassen hat, um allein mit Frau und Kindern auf einer Farm in Schottland zu leben. Als er das isolierte Farmleben hinter sich ließ, tat er das nur, um zusammen mit seiner Frau (man stelle sich das nur vor!) seine neue Band Wings zu gründen. Als wäre dieser Move entgegen jeglicher toxischer Maskulinität – welche in der 70er-Rockkultur besonders in Mode war – nicht genug gewesen, wurde er 1997 dann auch noch von der Queen zum Ritter geschlagen. Wie bourgeois!

Ich persönlich finde diese Art von „I don’t give a shit, I’m boring“-Coolness ja deutlich beeindruckender als alles, was die Rolling Stones je durchlebt haben (Achtung, starke Verallgemeinerung). Nichtsdestotrotz ist McCartney schon lange nicht mehr der Typ, der in den 60ern auf den Klos Hamburger Stripclubs übernachtet oder sich tagelang durch die Londoner Avantgarde-Szene getrieben hat.

Carpe aetatem

Es ist schon beeindruckend, wie viele Rockstars von anno dazumal auch in ihren 70ern noch jung geblieben scheinen. Allein die Tatsache, dass Mick Jagger erst dieses Jahr wieder über dutzende Stadionbühnen geflitzt ist, wirkt beinahe surreal. Aber sind regelmäßig aus dem Jungbrunnen trinkende Rockstars wirklich so faszinierend, wie sie immer dargestellt werden? Ist es nicht viel spannender, wenn Rockstars im Rentenalter ihre Reife und enorme Lebenserfahrung nutzen, um damit neue Songs zu schreiben?

Dieser Gedanke sitzt in meinem Nacken, seitdem ich diese Woche die neuen McCartney-Singles und sofort danach die neue Single von Paul Simon gehört habe. Letztere bewegt sich deutlich näher an meinem subjektiven Ideal der Musik, die ein Ü70-Musiker machen sollte. Doch Subjektivität hin oder her. Es kommt nicht von ungefähr, dass Paul Simons letztes Album Stranger to Stranger (2016) sowie Roger Waters’ letztes Opus Magnum Is This the Life We Really Want? (2017) von den Kritikern frenetisch gefeiert wurden, während Alben wie KISS’ Monster (2012) und selbst AC/DCs Rock or Bust (2014) allenfalls ein müdes Gähnen ausgelöst haben.

Roger Waters befasst sich auf seinem Album überaus kritisch mit der aktuellen politischen Situation sowie dem Lebensgefühl der modernen Zeit (ganz grob zusammengefasst). Hier singt ein alter Typ über Dinge, die ihm auf den Sack gehen – mit der Autorität und Verdrossenheit, die mit seinem Alter einhergehen. Das Ergebnis ist absolut einzigartig und fabelhaft.

KISS befassen sich auf ihrem Album mit… den üblichen Themen. Hier singen alte Säcke über Sex in Flugzeugen, Sex in Aufzügen (das haben Aerosmith schon besser gemacht) und weitere vage definierte Eskapaden. Der Titel des vierten Tracks Back to the Stone Age ist bezeichnend für den gesamten Inhalt dieses Spätwerks. Das Ergebnis ist absolut peinlich und belanglos.

I took an elevator late one night
This lady by my side looked like she might
The doors were closing
When I asked her to take a ride with me (come here baby!)
She took my finger, here’s a button to press
I raised my thang and she dropped her dress
I’ll take you on a cruise you’ll never forget
She said, ‘we better move ‚cause I’m already wet‘

– Poetischer Auszug aus Take Me Down Below, KISS, Album: Monster, 2012

Der Fairness halber muss man hier einwerfen, dass Paul Simon und Roger Waters – im krassen Gegensatz zu KISS – schon immer für etwas intelligentere Musik bekannt waren.   KISS hatten (abgesehen von ihrem peinlichen Versuch, ein Konzeptalbum aufzunehmen) nie die Ambition, mehr zu liefern als pure Unterhaltung. Dennoch hätte den Herren Gene Simmons und Paul Stanley spätestens im Jahr 2012 auffallen müssen, dass sie nicht Lemmy Kilmister sind. Dieser wäre wohl der einzige Typ, der auch als Senior noch mit solchen Texten davongekommen wäre, ohne wie ein kompletter Möchtegern zu wirken. (Wobei selbst Lemmy in Sachen stumpfsinniger Misogynie noch viel von KISS hätte lernen können.)

Doch auch abgesehen von den Lyrics ist solche Rockmusik traditioneller Machart nichts, was sich ein Greis einfach mal so aus dem Ärmel schütteln könnte. Frühe Rockmusik lebte häufig von ihrer jugendlichen, manchmal sogar rebellischen Energie. Allein dieses Grundgefühl des 70s-Rockgenres lässt sich von alten Säcken also nur äußerst schwer replizieren. Alle paar Monde kommt mal eine Band wie Judas Priest daher, die mit einem Album wie Firepower (2018) alle Skeptiker wegbläst und vergessen lässt, in wie vielen Falten die Instrumente da gerade kleben. Über die dafür erforderliche Kraft verfügen aber nur die wenigsten Legenden von damals.

McCartneys Höhepunkt als Greis

Okay, das waren jetzt ziemliche Extremfälle. 1999 erschien Paul McCartneys Album Run Devil Run – ein Werk, welches größtenteils aus Covern obskurer 1950s-Rock’n’roll-Songs besteht. Musikalisch eine relativ belanglose Scheibe, die wohl zu niemandes Heavy Rotation-Liste zählen dürfte. Faszinierend ist allerdings die Leidenschaft, mit der sich McCartney, kurz nach dem tragischen Tod seiner geliebten Ehefrau Linda, in diese Nostalgiebombe flüchtet.

Das Album erschien in einer künstlerischen Phase, in der McCartney sich endlich davon losgesagt hat, aktuellen Trends nachzueifern. Hat diese Mainstream-Orientierung für ihn anfangs der 1980er mit Alben wie Tug of War (was ein Meisterwerk!) oder Pipes of Peace noch hervorragend funktioniert, hat ihn das Feuer auf den nachfolgenden Platten zunehmend verlassen.

Diese Neufindungsphase zwischen den Spät-1980ern und Mitt-2000ern hat einige McCartneys bester und authentischster Werke seit seiner Trennung von den Beatles hervorgebracht. Der Höhepunkt kam gleich vor dem Fall: Das 2006er-Album Chaos and Creation in the Backyard kann sich mit Leichtigkeit mit dem Besten messen, was McCartney je fabriziert hat – inklusive seiner Songs mit den Beatles.

Es mag nicht so pompös und aufregend sein wie Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band oder der Wings-Klassiker Band on the Run. Aber was dem Album an Extravaganz fehlt, macht es durch seine hypnotische Intimität wieder wett. Mein liebster Song von Chaos and Creation in the Backyard hört auf den unscheinbaren Namen English Tea. Und ja, McCartney singt hier einfach nur darüber, in England Tee zu trinken – inklusive einer gehörigen Prise kitschiger britischer Klischees, die sich nicht nur auf den Inhalt, sondern vor allem auf die Wortwahl des Songtexts erstrecken.

Auch der Rest des Albums strahlt eine Ruhe aus, die den Frührentner in mir frohlocken lässt. Ich schätze McCartney für seine Experimentierfreudigkeit. Ohne sie hätten bahnbrechende Meisterwerke wie Sgt. Pepper nie das Licht der Welt erblickt. Man könnte sich diesen Mann ohne sein Streben nach Innovation kaum vorstellen. Aber wäre es letztendlich nicht innovativer, seine einzigartige Perspektive zu nutzen, um – wie ein  singender Meister Yoda – eben nicht das zu tun, was die jungen Künstler gerade versuchen?

Man denke nur an Werke wie David Bowies zwei Tage vor seinem Tode veröffentlichtes Album Blackstar (2016), in welchem der Künstler seinen sicher bevorstehenden Tod reflektiert. So makaber es auch sein mag, dieses Werk deshalb zu loben – es ist schlicht einzigartige Kunst und garantiert ein Werk, über das wir auch in einem halben Jahrzehnt noch reden werden… auch wenn es bei den Grammy Awards gegen Twenty One Pilots’ Blurryface verloren hat. In diesem Sinne…