Zum Einstieg gleich mal eine schöne snobistische Pauschalisierung: Ich bin kein sonderlich großer Fan von Kriminalliteratur. Zugegeben, ich habe auf diesem Gebiet keine umfassende Erfahrung. Aber anhand der Werke, die ich in diesem Genre gelesen habe, konnte ich mir eine persönliche Meinung bilden, die zumindest nicht illegitim sein sollte. Die Krimis, die ich bisher gelesen habe, waren durchaus unterhaltsame, oftmals sogar fesselnde Thriller. Manchmal gab es ein paar Schockmomente, die mir noch Jahre später einen Schauer über den Rücken jagen, wenn ich an sie zurückdenke. Leider fehlte es diesen Romanen meist an Tiefe und Feinsinn in jeglichen Bereichen abseits der Spannungskurve. Wenn ich ein Buch lese, möchte ich zum Nachdenken angeregt werden. Ich möchte es reflektiert konsumieren und am Ende mit neuen Erkenntnissen oder Perspektiven herauskommen. Steht mir der Sinn nach Nervenkitzel, eignen sich andere Medien deutlich besser dazu, diesen Bedarf auf zufriedenstellende Weise zu befriedigen.

Das soll jetzt nicht bedeuten, dass alle Krimifans einen falschen Lebensstil frönen würden – ganz im Gegenteil. Wenn ihr einen Thriller lieber in Buchform statt als Film oder Serie genießt, habt ihr meinen Respekt. Für mich funktioniert das einfach nicht so gut – woran auch immer das liegen mag.

Und jetzt kommt die zweite Aussage, die ein wenig snobistisch klingen könnte (aber nicht so gemeint ist): 64 von Hideo Yokoyama ist kein Buch für Fans traditioneller Kriminalliteratur, wie man es unschwer an den zahlreichen 1-Sterne-Rezensionen auf Amazon erkennen kann. Aber was können die Leute auch für ihre enttäuschten Erwartungen, wenn der Atrium Verlag die deutsche Übersetzung des Romans mit dem Wort „THRILLER“ auf dem Cover bewirbt? (Ich fand diese Gestaltungskonvention deutscher Buchcover schon immer seltsam.) Auch der Klappentext liest sich wie der eines – zugegebenermaßen recht konservativen – Thrillers:

„Im Januar 1989 wird in Tokio ein siebenjähriges Mädchen entführt. Fünf lange Tage versuchen die verzweifelten Eltern alles, um die Forderungen des Entführers zu erfüllen. Doch alle Bemühungen sind vergebens. Der Entführer entkommt unerkannt mit dem Lösegeld, kurz darauf wird die Leiche des Mädchens gefunden. Die Ermittlungen der Polizei laufen ins Leere. Der Fall geht unter dem Aktenzeichen 64 als ungelöstes Drama in die Kriminalgeschichte Japans ein.

Vierzehn Jahre später verschwindet die Tochter von Yoshinobu Mikami, dem Pressesprecher eines kleinen Polizeireviers. Mikami, selbst Gefangener eines übermächtigen Verwaltungsapparats, stößt kurz darauf auf ein geheimes Memo zu Fall 64. Getrieben von einer dunklen Ahnung beginnt er, auf eigene Faust zu ermitteln – und öffnet eine Tür, die besser für immer verschlossen geblieben wäre.“

Hinter dem Buchdeckel erwartet die Leser allerdings nicht unbedingt ein zum Nägelkauen anregender Kriminalroman – im absolut positivsten Sinne.

64 vermittelt einen aufschlussreichen Einblick hinter die Kulissen der japanischen Polizei. Die Leser werden Zeuge komplexer Ränkespiele und Intrigen zwischen den verschiedenen Abteilungen der Polizei sowie dem mit ihr assoziierten Presseapparat. Die Betonung liegt auf den persönlichen und rangbezogenen Verhältnissen zwischen überraschend klischeebefreiten Charakteren im Kontext einer monumentalen staatlichen Institution.

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Ausschnitt aus der zweiteiligen TV-Verfilmung von 64.

Das gesamte Polizeidezernat sieht sich mit einer Fülle an ethischen und moralischen Dilemmata konfrontiert, welche der Protagonist, Pressedirektor Mikami, zu bewältigen hat. Seine familiären Probleme sowie seine beruflich bedingten Identitätskonflikte stellen nur die Spitze des Eisbergs dar. 64 ist ein Kriminalroman, in dem die äußeren Umstände sowie die unabsehbaren Implikationen des Hauptfalls ein größeres Gewicht haben als die eigentliche Jagd nach einem Täter. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Hauptcharakter kein Ermittler ist, sondern der Verwaltungsabteilung angehört.

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Der zentrale Ermittlungsplot kommt als roter Faden dennoch nicht zu kurz. Zusätzlich zum titelgebenden Entführungsfall von 1989 werden immer wieder neue Fälle unterschiedlicher Größe und Relevanz ins Gewebe eingestrickt, welche sich über dem Protagonisten auftürmen.

In gewisser Weise erinnert 64 ein wenig an die Hauptplots der Yakuza-Spielereihe – nur befindet sich der Blickwinkel diesmal auf der anderen Seite des Gesetzes. Die zahlreichen Konflikte und Probleme werden auch hier vor allem abseits des Sichtfelds des Protagonisten ausgetragen. Am Ende der Geschichte laufen, trotz aller Verworrenheit, sämtliche Fäden auf organische Weise zu einem einzigen Knäuel zusammen. Pressedirektor Mikami spielt für die Auflösung der Konflikte, ähnlich wie Kiryu Kazuma, zwar eine zentrale, aber nicht die alleinige Rolle.

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Eine weitere Parallele des Buches zur Yakuza-Reihe liegt in den unzähligen Charakternamen, die von den Lesern gelernt werden wollen. Die Vielzahl an unterschiedlichen Charakteren in verschiedenen beruflichen Positionen können anfangs schnell überfordern. Ich selbst habe für mehr als mein halbes Leben regelmäßig japanische Medien konsumiert und trotzdem kam es im Eifer des Gefechts manchmal zu kurzer Verwirrung. Aber man kann es mir doch auch nicht verübeln, wenn allein drei relevante Charaktere in Führungspositionen verschiedener Abteilungen Arakida, Akikawa und Akama heißen. Dass viele der Charaktere nur selten als aktiv agierende Figuren ins Rampenlicht treten, sondern stattdessen überwiegend in ihrer Abwesenheit von anderen Charakteren erwähnt werden, erleichtert die Situation nicht. Zum Glück schafft das Buch Abhilfe in Form eines zweiseitigen Charakterregisters, der auf Dramen-ähnliche Weise einen Überblick über sämtliche handlungsrelevanten Charaktere gibt. Nicht die eleganteste Lösung, aber effizient ist es auf jeden Fall. Mit ein wenig Motivation und einer Prise Konzentration sollten die meisten Leser die Einstiegshürde auf jeden Fall bewältigen können. Es ist wie beim Vokabellernen – nach der dritten Wiederholung bleiben die meisten Namen fest im Hirn verankert.

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Ist die Exposition erst einmal verdaut, schenkt 64 seinen Lesern zum Dank eine vielschichtige Geschichte voller parallel verlaufender Handlungsfäden. Diese ist, aufgrund der erzählerischen Eleganz des Autors, deutlich leichter verdaulich als die steile Einstiegshürde. Der Roman präsentiert eine faszinierende Erzählung rund um japanische Kriminalpolitik und typisch japanische rigide Hierarchiestrukturen. Wie realitätsgetreu die Geschichte tatsächlich ist, kann ich als Laie natürlich nur schwer beurteilen. Ich gehe allerdings mal ganz vorsichtig davon aus, dass 64 sich deutlich näher an der Realität bewegt als die Yakuza-Reihe – auch wenn SEGA die Authentizität der Spiele bekanntlich von echten Yakuza hat bewerten lassen.

Der Vergleich des Romans zu einer Spielereihe wie Yakuza wäre natürlich ein wenig an den Haaren herbeigezogen, wäre dies hier kein Blog, der bisher primär auf Videospiele fokussiert war. Ganz so willkürlich wie es scheint, ist der Vergleich aber doch nicht. Ich möchte diesen kleinen Exkurs in die Literatur nutzen, um euch Fans des digitalen Gangsterepos (falls ihr welche seid) ein Buch zu empfehlen, welches euch ebenso so sehr fesseln sollte wie die Haupthandlungen der Yakuza-Spiele… zumindest sofern ihr auf die eingestreuten Slapstick-Momente sowie die kitschige Romantisierung von Gangstertugenden verzichten könnt. In 64 werden Charaktere definitiv keine Konversationen über unsterbliche Freundschaft und Loyalität führen, während ihnen die Gefahr (scheinbar in der Zeit eingefroren) im Nacken sitzt.

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Auf den skurrilen Humor der Sidequests werdet ihr ebenfalls verzichten müssen. 64 ist über seine 760 Seiten hinweg fast vollkommen frei von Humor – und das ist auch gut so.

Ich möchte hier jetzt keine zu tiefgründige Analyse des Schreibstils vom Zaun brechen, da ich des Japanischen nicht mächtig bin und deshalb nur eine Übersetzung gelesen habe. Normalerweise lese ich bei im Original nicht-englischsprachigen Büchern immer gern die deutsche Übersetzung (denn ich lese schon genug englischsprachige Bücher), doch im Falle von 64 habe ich aus Unachtsamkeit übersehen, dass es sich bei der deutschen Übersetzung um eine doppelte Übersetzung handelt. Das Buch wurde also erst vom Japanischen ins Englische und anschließend vom Englischen ins Deutsche übersetzt. Nachdem er zweimal den Übersetzungsfleischwolf durchlaufen hat, kann ich den Originaltext nur noch grob erahnen.

Was man über die deutsche Übersetzung allerdings festhalten kann, ist, dass der größtenteils nüchterne Ton perfekt zur Handlung passt. Wenn die Sprache mal ein wenig kreativer wird und aus dem Rahmen auszubrechen versucht, wirkt die Wortwahl häufig ein wenig gezwungen und inkohärent. Man kann beispielsweise nur erraten, welcher Prozess bei der Übersetzung vom Japanischen ins Englische ins Deutsche in Ausrufe wie „Dieser Hundsfott!“ (S. 439) mündete. Aber das ist eben das Problem solcher Doppelübersetzungen und auch der Grund, weshalb ich solche Übersetzungen normalerweise vermeide, sofern ich die Wahl habe. Es scheint allerdings, als hätte die Experimentierfreudigkeit der beiden renommierten deutschen Übersetzer, Sabine Roth und Nikolaus Stingl, im Verlauf der Geschichte ein wenig nachgelassen… im positiven Sinne. Die Sprache wirkt auf den letzten paar hundert Seiten deutlich mehr wie aus einem Guss als zu Beginn der Erzählung. Vielleicht ist das aber auch nur die Gewohnheit, die sich bei mir nach 500 Seiten eingestellt hat.

Letztendlich habe ich es nicht bereut, die deutsche Ausgabe gelesen zu haben. Für all jene, die der englischen Sprache in ausreichendem Maße mächtig sind, könnte die Preisgestaltung des Buches aber das Zünglein an der Waage sein, wenn es darum geht, sich für eine Sprachversion zu entscheiden. Die deutsche Buchpreisbindung lässt im Falle von 64 mal wieder ihre Muskeln spielen. Happige 28€ kostet die gebundene Ausgabe, während die Kindle-Version mit 21,99€ zu Buche schlägt. Die englischen Ausgaben kosten (auf Amazon.de, stand 16.07.2018) 9,99€ fürs Taschenbuch, 9,12€ für die gebundene Ausgabe sowie 5,49€ für die Kindle-Version… Was fällt auf? Man kann sich für die 28€ der deutschen Version gleich alle drei englischen Fassungen kaufen und hat danach immer noch genug Geld für ein paar Kugeln Eis übrig.

Allerdings müsste man dann auf die wunderschöne visuelle Gestaltung des Einbands der deutschen Ausgabe verzichten. Der Atrium Verlag zeigt hier, dass auch deutsche Bücher ein wahrer Blickfang sein können. Ob die romantisierte Darstellung einer japanischen Großstadt-Skyline mit Kirschblüten zur extrem ernsten und bodenständigen Erzählung passt, sei an diesem Punkt mal dahingestellt. So unpassend, dass es deplatziert wirken würde, ist das Design auf jeden Fall nicht.

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