Die Ähnlichkeiten zwischen Masters of Anima und Nintendos Pikmin-Reihe sind kaum von der Hand weisen. Zu beurteilen, ob ein bestimmter Entwickler von Spiel X oder Y inspiriert wurde, ist stets eine etwas schwammige Angelegenheit. Im Falle von Masters of Anima sind die Gemeinsamkeiten zum mutmaßlichen Vorbild jedoch so frappierend, dass zumindest ein gewisses Maß an Beeinflussung gewährleistet sein dürfte.

In beiden Spielen befehligt der Protagonist eine Armee von bis zu hundert winzigen Kreaturen, die ihm im Kampf und beim Lösen von Rätseln zur Seite stehen. Und auch wenn die übergreifende Spielstruktur sich ein wenig unterscheidet, bleibt der Pikmin’sche Wuselfaktor (welch schöner deutscher Fachbegriff) in Masters of Anima bestehen. Während das Hauptziel der Pikmin-Spiele aus der allmählichen Erkundung weitläufiger, verschachtelter Areale sowie dem Sammeln von Schätzen unter striktem Zeitdruck besteht, geht Masters of Anima einen anderen Weg. Im Vergleich zu Pikmin ist das Spiel deutlich linearer und hält das Mikromanagement von Einheiten und Ressourcen in einem deutlich kleineren Rahmen. Pompöse Gefechte sowie der Weg zum einen Ziel am Ende des Levels stehen hier klar im Vordergrund.

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An diesem Erlangen einer eigenen Identität ist gar nichts auszusetzen. Ganz im Gegenteil – im Zweifelsfall sind neue Ideen immer spannender als exakte Kopien eines bestehenden Vorbilds. Rein mechanisch ist Masters of Anima – abseits weniger Frustmomente – ein äußerst ansprechendes Spiel. Leider hat es aber die Chance verpasst, auf eine der größten Stärken von Pikmin aufzubauen. Ohne diese Stärke scheitert das gesamte „100 Minions“-Spielprinzip daran, sein volles Potential auszuschöpfen.

Hundert Köpfe, kein einziges Herz

Denkt man an Pikmin, schwirren jedem, der halbwegs mit der Reihe vertraut ist, unweigerlich die putzigen kleinen Pflanzenwesen vorm geistigen Auge herum. Es sind die Pikmin selbst, die der langjährigen Reihe ihren einzigartigen Charme verleihen. Die sogenannten Wächter, mit denen sich Protagonist Otto in Masters of Anima umgibt haben hingegen den Wiedererkennungswert einer 1990er-Echtzeitstrategieeinheit. Sie sind kaum animiert und haben keine charmanten Stimmen. Sie sind überkompliziert designt und doch generisch. Es mangelt ihnen schlicht an Charakter.

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 Pikmin hingegen sind kleine Farbtupfer, die minimalistischer kaum sein könnten. Die meisterhafte Animation verleiht ihnen jedoch einen unvergleichlichen Charme. Pikmin stehen zu keiner Zeit still. Sie blicken wie neugierige Kinder in die Luft, watscheln aufgeregt umher, singen euphorische Lieder, schreien ihr energisches Kampfgeschrei und so weiter und so fort…

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Erschwerend zu ihrer stoischen Präsenz sind die Wächter in Masters of Anima so leicht zu erlangen, dass ihrer Geburt jegliche Bedeutung abhandenkommt. Pikmin sind ebenfalls im Dutzend billiger zu haben. Jedoch steht hinter jedem Pikmin ein Prozess, in welchen der Spieler ein Mindestmaß an Arbeit stecken musste. Anima-Meister Otto auf der anderen Seite muss nur seinen Stab schwingen, um aus dem Nichts eine Gruppe Wächter herbeizuzaubern. Die einzige Voraussetzung ist eine ausreichende Menge Anima – eine Ressource, die außerhalb von Kämpfen jederzeit im Überfluss zur Verfügung steht.

Ebenso konsequenzfrei wie die „Geburt“ eines Wächters ist sein Ableben im Kampf (oder als Opfer, welches von Otto auf Knopfdruck zu seiner ursprünglichen Animaform recyclet wird). Stirbt ein einzelner Wächter im Kampf, geschieht dies nahezu unbemerkt. Selbst das Ausradieren größerer Wächtergruppen ist zwar ärgerlich, versetzt dem Spieler aber nicht den emotionalen Schlag in die Magengrube, den die Pikmin-Reihe so meisterhaft beherrscht. Während ich in Masters of Anima für Kämpfe, in denen ich 91 Wächter verloren habe, noch mit einem S-Rang belohnt wurde, lässt mich jeder einzelne gefallene Pikmin innerlich zusammenzucken. Jede gefallene „Einheit“ in Pikmin verlässt das Geschehen mit einer herzzerreißenden Sterbeanimation. Der Pikmin wird schwächelnd zu Boden geworfen. Er bleibt noch für den Bruchteil einer Sekunde liegen, bis ihm unter einem den Audiomix zerschneidenden Winseln die bunt funkelnde Seele aus dem Leib fährt.

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Doch nicht nur der Spieler trauert um seine gefallenen Kumpane. Auch Protagonist Captain Olimar äußerst sich nach Ingame-Tagen mit hoher Sterberate selbstkritisch und betrübt bezüglich des Pikminverlusts in seinem täglichen Logbucheintrag. Für Anima-Meister Otto jedoch scheinen die Wächter den Status von Nutztieren zu haben. Dementsprechend sind sie auch für den Spieler nicht mehr als Wegwerfmaterial.

Jeder Wächter ist genauso schnell wieder vom Bildschirm verschwunden, wie er ihn betreten hat. Auch in der Pikmin-Reihe baut man als Spieler in der Regel keine emotionale Beziehung zu einzelnen Pikmin auf. Allerdings nutzt Pikmin den cleveren Kniff, besonders langlebige Einheiten – quasi die Veteranen – dadurch zu kennzeichnen, dass die Blätter auf ihrem Kopf mit der Zeit erst zu Knospen und später zu Blüten werden. Durch dieses Symbol erkennt der Spieler, dass er womöglich bereits mehrere Ingame-Tage mit derselben Pikmingruppe verbracht hat. Er wird außerdem sein Bestes geben, diese Blütenpikmin mit ihren erhöhten Attributen nicht leichtfertig in den Tod zu schicken. Es entsteht ein Gefühl von Verbundenheit und Vertrautheit zwischen dem Spieler und seinen zuverlässigen Kameraden. Eine bemerkenswerte Leistung im Angesicht der uniformen Armee, welche Olimar in Pikmin befehligt.

Kreuzzug statt Überlebenskampf

Viele der oben genannten Kritikpunkte gelten ebenfalls für die Widersacher von Masters of Anima. Die Golems, mit denen Otto sich im Spielverlauf messen muss, sind uninspirierte Steinwesen ohne den Hauch eines eigenen Charakters. Captain Olimars Feinde sind raubtierähnliche Wesen in ihrem natürlichen Habitat. Sie legen individuelle Verhaltensweisen an den Tag und ihr Design spielt mit den Erwartungen des Spielers an eine irdische Fauna. Vor allem aber haben sie eine interne Motivation. Sie kämpfen ums nackte Überleben, wollen entweder ihr Habitat verteidigen, ihre Jungen schützen oder sich durch das Verzehren der Pikmin ihre tägliche Mahlzeit sichern. Es ist ein Kampf um Leben und Tod – für beide Parteien. Und dennoch verspürt man als Spieler Mitleid, wenn der aus dem Hinterhalt attackierte Punktkäfer unter dem Gewicht von 40 Pikmin zu Boden geht, die Augen schließt und ihm unter einem letzten Ächzen der Geist entfährt.

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Wenn es um Liebe zum Detail geht, spielt die Pikmin-Reihe in der obersten Liga mit. Dementsprechend wäre es utopisch, von jedem Konkurrenztitel ein ähnliches Maß an Hingabe zu erwarten. Dennoch mangelt es Masters of Anima schon auf einer fundamentalen Ebene an Detailverliebtheit. Die Bildsprache des Spiels ist – vor allem im direkten Vergleich zu Pikmin – äußerst undeutlich. Einzelne Wächter sind im Kampfgewimmel kaum voneinander zu unterscheiden. Während Pikmineinheiten einem klaren Farbschema folgen, fließt in den Kampfarenen von Masters of Anima alles ineinander. Es hat einen Grund, weshalb Nintendo keine grünen Pikmin in Spiele mit so vielen Wald- und Wiesengebieten integriert.

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Masters of Anima ist durch sein (übrigens ziemlich generisches) Fantasy-Setting von Natur aus weniger farbenfroh als die üppigen Gartenwelten eines Pikmin. Doch gerade deswegen ist es für ein Spiel mit bis zu 100 spielergesteuerten Charakteren auf dem Bildschirm essentiell, das Geschehen so übersichtlich wie möglich zu gestalten. Diese leichte Ungenauigkeit in der Bildsprache weitet sich vom Kampfgeschehen auf das Weltendesign aus. Zudem zwingt Masters of Anima dem Spieler eine rigide Kameraperspektive auf, während die Pikmin-Spiele über eine Kamera verfügen, welche den Spieler nach Belieben schwenken sowie rein- und rauszoomen lässt.

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Immerhin sind die Wächter in Masters of Anima intellektuell deutlich kompetenter als Pikmin – vor allem, wenn es darum geht, auf eigene Faust ihren Weg durch Areale zu finden. Es kommt nur selten vor, dass Wächter abgehängt werden, an Ecken hängenbleiben oder seitlich von Brücken fallen. Auch das Benutzen hunderter Einheiten pro Kampf als Wegwerfmaterial, mit dem Gegner regelrecht bombardiert werden können, hat durchaus seinen Reiz. Letztendlich ist diese Faszination aber keine, die über Stunden und Tage bei der Stange halten würde, wie es das Aufbauen einer liebenswerten Armee in Pikmin zu schaffen vermag.