Jahrelang führte die Yakuza-Reihe hierzulande ein Dasein in mäßiger Obskurität. Mit jedem neuen Ableger schien das Standbein der Reihe im Westen wackeliger zu werden – bis mit Yakuza 0 im Januar 2017 der große Durchbruch kam. Zuvor wurde die Yakuza-Reihe von Außenstehenden häufig als „GTA in Japan“ missverstanden. Mit Yakuza 0 hingegen haben nicht nur Sega, sondern vor allem die treue Fangemeinde es geschafft, diesen Irrtum zu beseitigen. Grund dafür war nicht nur die Share-Funktion der PS4 in Kombination mit den vielen Meme-tauglichen Momenten des Spiels. Vor allem die grundlegende Natur von Yakuza 0 als Prequel für die gesamte Reihe machte das Spiel für Tausende von Neueinsteigern attraktiv.

Auch ich habe mich vom plötzlichen Hype um die Reihe anstecken lassen und wurde für meinen Spontankauf mit einem meiner Lieblingsspiele des Jahres 2017 belohnt. Nur wenige Monate später im August kam das aufwendige Remake von Yakuza 1 unter dem Namen Yakuza Kiwami auf den Markt – zu einem attraktiven Preis von 30 Euro. Es war der perfekte Sturm für die Yakuza-Reihe. Sowohl das Prequel als auch das Remake des Erstlings fanden Unmengen frischer Fans. Doch wohin geht es dann?

Der nächste Titel auf der Release-Liste ist Yakuza 6 – das große Finale der Reihe, welches die Geschichte des Protagonisten Kiryu Kazuma nach mehr als einem Jahrzehnt endlich zum Abschluss bringt. Und das Spiel sieht absolut umwerfend aus. Eine brandneue Engine für die PS4, japanische Vollvertonung für alle Sidequests, endlich keine Ladezeiten beim Betreten vom Gebäuden… Doch ausgerechnet das pompöseste Spiel der Reihe steht im Westen vor demselben Berg, der zuvor allen Ablegern vor der Yakuza 0-Serienrenaissance im Weg stand.

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Sechs – eine abschreckende Zahl für alle Fans, die bisher nur ein Prequel und den ersten Teil der Reihe gespielt haben. Die Yakuza-Reihe lebt in großem Maße von ihrer Erzählung. Im Idealfall sollte man sämtliche Kerntitel der Reihe von Yakuza 0 bis Yakuza 5 gespielt haben. Nur so kann die emotionale Achterbahnfahrt, die Yakuza 6, laut Publisher und Kritikern, bieten soll, ihre volle Wirkung entfalten.

Dass Yakuza 2 bis Yakuza 5 nicht nur schwierig aufzutreiben, sondern auch spielerisch ein wenig sperrig sind, hilft der ganzen Situation nicht wirklich. Yakuza 2 ist nur auf der PS2 spielbar (zumindest bis später im Jahr 2018 das Remake Yakuza Kiwami 2 erscheinen wird). Yakuza 3 gibt es schon für die PS3 – allerdings nur als vergleichsweise teure Diskversion. Yakuza 4 sowie Yakuza 5 gab es irgendwann mal als Gratisdreingabe im PS Plus-Abo – aber halt auch nur für die PS3. Wer die mittlerweile zehn Jahre alte Vorgängerkonsole der PS4 nicht (mehr) sein Eigen nennt, schaut also blöd aus der Wäsche.

Und selbst wenn man die Spiele erstmal aufgetrieben hat, erfordert es ein gewisses Maß an Zeit und Geduld, alle zu beenden. Klar doch – wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Aber selbst ich, als jemand, der von Yakuza 0 geradezu weggeblasen wurde, habe weder die Zeit, noch die Ausdauer, mich mal eben so durch vier untereinander ziemlich gleichförmige Spiele zu treiben, nur um den neuen Ableger spielen zu können. Denn die Yakuza-Spiele sind weder kompakt, noch sind sie spielerisch so fesselnd, dass man sie mal eben so in einem hundertstündigen Reihenmarathon verschlingen könnte. Die klare Vision sowie die serienübergreifende Kohärenz sind zwei große Stärken der Yakuza-Reihe. Allerdings eignet sie sich dadurch im Vergleich zu einer Reihe wie The Legend of Zelda, welche sich mit jeder Iteration neu erfindet, nicht sonderlich gut für einen intensiven Binge-Monat.

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Ich, als Serienneueinsteiger, fühle mich seit dem Durchspielen von Yakuza Kiwami also mit dem First World Problem konfrontiert, dass ich absolut nicht weiß, was ich vor Yakuza 6 noch aufholen sollte. Oder sollte ich Yakuza 6 sogar lieber aufschieben, bis Kiwami 2 erschienen ist und ich infolgedessen alle Teile chronologisch spielen könnte?

Vor einigen Wochen habe ich mich dazu überredet, einfach mal Yakuza 4 auszuprobieren, welches praktischerweise ziemlich nette Handlungszusammenfassungen zu Yakuza 1-3 in Videoform beinhaltet. Doch aus irgendeinem Grund habe ich bei Yakuza 4 nach drei Vierteln der Kampagne die Lust verloren – und das obwohl das Spiel mit seinen knappen 17 Stunden Durchschnittsspielzeit weniger als halb so lang wie Yakuza 5 ist.

An diesem Punkt begann ich daran zu zweifeln, wie gut mir die Reihe wirklich gefällt. Doch wahrscheinlich ist es einfach das systematische, möglichst effiziente Abarbeiten vorheriger Serienableger, das keine sonderlich angenehme Herangehensweise an mein „Problem“ ist.

Ein kurzer Blick in einschlägige Gamingcommunities offenbart, dass ich bei Weitem nicht der einzige Neueinsteiger mit diesem Luxusproblem bin. Ehrlich gesagt finde ich es ein wenig frustrierend, dass einem offensichtlich so tollen Spiel wie Yakuza 6 die ärgerliche Hürde seiner eigenen Seriengeschichte im Weg steht. Darüber hinaus steht es mit seinem Release am 17. April im direkten Konkurrenzkampf mit dem PS4-Exklusivschwergewicht God of War. Diese beiden Umstände sind Gift für die Verkaufszahlen des glamourösen Finales einer Reihe, die gerade erst einen neuen Frühling erlebt hat. Auf der anderen Seite wäre ein noch späterer Release nach Yakuza Kiwami 2 (oder sogar nach einer potentiellen Yakuza 3-5 Remaster Collection) ein Ärgernis für langjährige Yakuza-Fans gewesen, die ohnehin schon fast anderthalb Jahre auf die Lokalisation von Yakuza 6 warten durften.

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Ich persönlich bin momentan zwiegespalten. Sollte ich wirklich noch versuchen, das 40 Stunden-Mammut Yakuza 5 in Angriff zu nehmen, wenn mir bereits nach 15 Stunden Yakuza 4 die Puste ausging? Oder sollte ich der Versuchung nachgeben, sofort das neue, attraktive Yakuza 6 zu spielen? Doch was ist, wenn Handlungszusammenfassungen nicht reichen, um Yakuza 6 wirklich genießen zu können? Man bekommt schließlich nur eine Chance, um eine Geschichte zum ersten Mal zu erleben – da sollte man es doch unter den bestmöglichen Voraussetzungen tun, oder nicht?

Dieser extreme Aufwand, mit einer Reihe vertraut zu werden, nur um den neuesten Ableger genießen zu können, ist ziemlich einzigartig für das Medium Videospiel. Selbst mehrere Jahrzehnte alte Manga-Reihen wie Detektiv Conan sind weniger abschreckend, da sie obgleich ihres massiven Umfangs ohne die technischen Hürden und ästhetischen Lasten eines „veralteten“ Produkts daherkommen. Mich würde brennend interessieren, wie andere zu diesem Problem stehen, über welches ich mir während der letzten Monate viel zu viele Sorgen gemacht habe.