Bury Me, My Love (oder “Begrabe mich, mein Schatz”, wie es in deutschsprachigen AppStores heißt) war bei den Game Awards 2017 in der Kategorie „Games for Impact“ nominiert. Da ich Spiele, welche gesellschaftlich und politisch relevante Ambitionen pflegen, grundsätzlich zumindest interessant finde, habe ich mir das Spiel sofort gekauft – die Einstiegshürde war mit knappen drei Euro schließlich nicht sonderlich hoch.

Aber Moment – wenn ich das Spiel doch schon im letzten Jahr gekauft habe, wieso schreibe ich erst jetzt darüber? Ist das Spiel so umfangreich? Ist es so anspruchsvoll? Oder bin ich einfach nur faul? Sagen wir es einfach mal so: Es spricht nicht unbedingt für das Spiel, dass ich es erst Monate später morgens beim Pendeln zur Arbeit durchgespielt habe. Und das auch nur, weil die Bahn so voll war, dass es keinen Platz gab, um in einem Buch zu blättern.

Bury Me, My Love erzählt die Geschichte der syrischen Frau Nour, welche aus allgemein bekannten Gründen von ihrem Heimatland nach Europa flüchtet. Die komplette Erzählung geht dabei in Form eines WhatsApp-ähnlichen Dialogs vonstatten, in welchem der Spieler in Echtzeit mit Nour kommuniziert. Der Spieler schlüpft in die Rolle von Majd, Nours Freund, welcher seiner Geliebten von einem sicheren Ort aus seelischen Beistand leistet und mit Ratschlägen zur Seite steht.

Allein für seine Ambitionen und seine Grundprämisse sollte man Bury Me, My Love loben. Trotz der Probleme, die ich persönlich mit dem Spiel habe und auf welche ich gleich eingehen werde, ist das Spiel in seinen Grundzügen äußerst gelungen. Dadurch, dass man es nicht wie eine übliche Visual Novel in einem Rutsch runterspielen soll, sondern Nours Nachrichten lediglich alle paar Stunden erhält, entsteht ein Gefühl von Immersion, welches sich so nur in einem Smartphone-Spiel umsetzen lässt. Der Spieler sitzt morgens an seinem realen Frühstückstisch, das Handy vibriert und er erhält ein kurzes Update von Nour. Sie wünscht ihm einen guten Morgen und erzählt, wie ihr Plan für den folgenden Tag aussieht. Im Verlauf des Tages erhält der Spieler dann immer wieder kurze Updates und muss Nour ab und an bei Entscheidungen unterstützen. Diese Art von spontaner Erzählung in kleinsten Häppchen ist nur auf einem Gerät möglich, welches die meisten Personen ständig bei sich tragen und welches in Form von Push-Benachrichtigungen auch abseits des eigentlichen Spielgeschehens Aufmerksamkeit erregen kann.

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Nur die wenigsten Spieler dürften Erfahrung damit haben, eine Person auf ihrer gefährlichen Flucht über den halben europäischen Kontinent zu begleiten. Zumindest in der Theorie sollte Bury Me, My Love also ansatzweise vermitteln können, wie es ist, in Kontakt mit einer solchen Person in Not zu stehen… Aber leider auch nur in der Theorie.

Auf der absolut wichtigsten Ebene für diese Art von Erzählung gelingt es dem Spiel nicht, Fuß zu fassen: Ich habe zu keiner Zeit auch nur die Spur einer emotionalen Bindung zu Nour gespürt. Geschweige denn die panische Sorge, die eine ihr nahestehende Person in einer solchen Situation empfinden sollte. Das Spiel beginnt in medias res – Nour befindet sich bereits auf der Flucht und Majd kann sich hunderte Kilometer entfernt in Sicherheit wiegen. Ich habe dementsprechend keine Ahnung, wie die Beziehung von Majd und Nour jemals aussah. Ich weiß nur, dass Nour in konstanter Gefahr schwebt, ich ihr Partner bin und mir deswegen Sorgen um sie machen sollte. Das Spiel weiß, dass eine ausufernde Exposition seiner Erzählung den Wind aus den Segeln genommen hätte. Stattdessen streut es also während der Gespräche immer wieder kleinere Anekdoten über die Vergangenheit des Paares ein. Trotzdem reichen diese Informationsfetzen nicht aus, um ein halbwegs erfüllendes Bild von Nour zu bekommen. Dass mich die Erzählung stets nur zwischen Tür und Angel für wenige Sekunden begrüßt, trägt ebenfalls nicht zur Immersion bei – und das, obwohl das Spiel auf dem Papier gerade wegen dieser Integration in den Alltag des Spielers so viel Potential für Immersion zeigte.

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Die Erzählung von Bury Me, My Love ist leider keine intravenöse Infusion, welche dem Spieler in kleinen, aber immerhin stetigen Tröpfchen eingeflößt wird. Die Praxis dürfte für den Großteil der Spieler nämlich so aussehen, dass es unweigerlich den Punkt geben wird, an dem man sich nicht mehr an die „Termine“ des Spiels halten kann. Nours Reise spielt sich über einen Zeitraum von mehr als zwei Wochen ab. Klar – alles andere wäre für einen beschwerlichen Weg von Syrien nach Deutschland geradezu beleidigend unrealistisch gewesen. Im Kontext des Spiels bedeutet dieser Zeitrahmen allerdings auch, dass der Spieler über zwei Wochen hinweg ständig mit Push-Mitteilungen des Spiels bombardiert wird.

Es ist ein unlösbares Problem, welches die Entwickler sich mit ihrem – zugegebenermaßen genialen – Konzept selbst eingebrockt haben. Bury Me, My Love erreicht nur dann sein volles Potential, wenn man sich an seine Regeln hält. Im Idealfall lässt man bei jeder Push-Mitteilung des Spiels augenblicklich alles liegen und eilt seiner virtuellen Partnerin zu Hilfe. Doch wer hat im normalen Alltag schon Zeit dafür? Wäre Nour eine reale Person, sähe die Situation selbstverständlich komplett anders aus. Dann wäre mir die sofortige Kommunikation mit meiner Geliebten in Not natürlich bedeutend wichtiger, als mich auf eine Vorlesung oder meine Arbeit zu konzentrieren. Wahrscheinlich hätten meine Dozenten und mein Chef sogar Verständnis dafür. Doch Nour ist eben nur eine fiktive Person in einem Spiel – auch wenn ihre Geschichte von der grausamen Realität inspiriert ist.

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Relativ schnell wird klar, dass das Ignorieren einer Nachricht keinerlei Konsequenzen trägt. Antwortet man erst Stunden oder Tage (oder Wochen) später, geht das Spiel einfach weiter, als wäre nichts gewesen. Hat man das erst einmal gemerkt, sinkt die Hemmschwelle, Nours Nachrichten einfach zu ignorieren, mit jeder weggewischten Push-Mitteilung tiefer und tiefer… Bis man am Ende nur noch dann mit ihr Kontakt aufnimmt, wenn man in einem überfüllten Regionalexpress steht und nach Unterhaltung sucht, welche sich einhändig und ohne Internetzugang genießen lässt.

Es braucht also eine gehörige Portion Verantwortungsbewusstsein, Disziplin und im besten Falle einen Sabbatmonat, um Bury Me, My Love exakt so genießen zu können, wie die Entwickler es vorgesehen haben. Für die ungeduldigen Spieler bietet das Spiel allerdings auch einen Regler, mit welchem sie die Geschwindigkeit des Spiels in Stufen justieren können. Das geht dann zwar entgegen der ursprünglichen Vision des Spiels, hat aber zumindest mir die intensivsten Momente beschert.

An einem bestimmten Punkt habe ich den Regler einfach auf sofortigen Fortschritt gestellt und mich ohne jegliche Wartezeiten von Nours Nachrichten berieseln lassen. Auf diese Weise wird der Spannungsbogen des Spiels zwar arg eingequetscht, da sämtliche Cliffhanger-Situationen unmittelbar aufgelöst werden. Allerdings konnte ich mich bei diesen längeren Spielsessions am effektivsten in der Erzählung verlieren. Dass ich häufig gar nicht gemerkt habe, wie zwischen zwei Nachrichten mehrere Ingame-Stunden vergangen sind, war allerhöchstens milde irritierend. Mein persönliches Ende hat mir sogar einen ordentlichen Schlag in die Magengrube versetzt, welcher mich ungeahnt lange die realen Parallelen dieser Situation hat reflektieren lassen. Letztendlich hat das Minimum an Charakterbindung also doch ausgereicht, um den gewünschten Effekt zu erreichen.

Wirklich anregend war die eigentliche Interaktion mit dem Spiel aber leider zu keinem Zeitpunkt. Die Antwortmöglichkeiten des Spielers beschränken sich größtenteils auf das Auswählen verschiedener Ein-Satz-Optionen oder Emojis. Meistens sind die Antwortmöglichkeiten für den weiteren Handlungsverlauf vollkommen konsequenzfrei. Dass nicht jede Nachricht eines zweiwöchigen Dialogs bedeutungsschwer sein kann, liegt auf der Hand. Spiele wie Life is Strange oder Night in the Woods haben bereits effektiv aufgezeigt, dass es manchmal reicht, einfach nur eine interaktive Unterhaltung zu führen, sofern der virtuelle Gesprächspartner dem Spieler am Herzen liegt. Das Ergebnis eines Dialogbaums muss nicht immer im Genozid einer gesamten Alien-Rasse enden.

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Insgesamt wirkte mein persönlicher Einfluss auf Nours Reise allerdings trotzdem zu gering – ja, beinahe non-existent. Egal, wie dumm oder schlau meine Tipps waren – am Ende hat Nour es meistens geschafft, ihre Probleme zumindest auf akzeptable Weise zu bewältigen. Da man das Spiel nach dem Durchspielen gezwungenermaßen wieder bei null beginnen muss, habe ich leider nicht mit den verschiedenen Enden herumexperimentiert. Aber es scheint zumindest ein wenig Varianz zu geben. Denn mein Ende hat sich nicht so angefühlt, als wäre es das unumstößlich gültige und einzige Endergebnis.

Immerhin ist das Spiel rein sprachlich ziemlich gelungen. Die Atmosphäre eines vergleichsweise intimen Chat-Gesprächs zweier vertrauter Personen wird angemessen authentisch eingefangen. Allein die Idee, ein komplettes Spiel als geschriebene Dialoge zu verpacken, hat mir schon bei Emily is Away oder letztlich erst bei Subsurface Circular sehr gut gefallen – es fühlt sich beinahe an wie ein interaktives Drama. Dank der irrationalen Vorstellung vieler Smartphone-Nutzer, was die Preisgestaltung von Mobile Games betrifft, kann ich jedem Interessenten eigentlich nur empfehlen, das Spiel für den geringen Kaufpreis zumindest mal selbst auszuprobieren. Die Ambitionen des Spiels gleichen seine zahlreichen Schwächen aus, sodass es immer noch eine interessante und einzigartige Spielerfahrung bleibt. Mich würde außerdem wirklich brennend interessieren, ob sich andere Menschen disziplinierter um Nour kümmern als ich…