Ich habe weder Musik studiert, noch habe ich jemals in meinem Leben ein traditionelles Orchesterinstrument in der Hand gehalten. Die Behandlung „ernster Musik“ im schulischen Musikunterricht empfand ich stets als extrem zäh. Doch seit ich meinen ersten Game Boy in der Hand gehalten habe, liebe ich Videospielmusik.

Angefangen bei simplen Mitsingmelodien in Dauerschleife wuchsen mit voranschreitender Technik die Möglichkeiten, Spiele mit Musik zu untermalen. In den 1990ern versuchten Komponisten wie Nobuo Uematsu (u.A. Final Fantasy-Reihe), über die Limitationen der ihnen zur Verfügung stehenden Hardware hinauszuwachsen.

Doch wenngleich vor allem mainstreamtaugliche Spiele mit der Jahrtausendwende immer mehr den musikalischen Konventionen der Filmindustrie nacheiferten, behielten viele Spielereihen bis heute ihren einzigartigen Charme bei. Im direkten Vergleich zur Filmmusik setzen Videospiel-Soundtracks deutlich häufiger auf prägnante Leitmotive mit Ohrwurmpotential, anstatt unauffällige Hintergrundmusik zu nutzen. Es kommt nicht von ungefähr, dass so viele Menschen John Williams’ Soundtrack für die Star Wars-Filme so sehr lieben. Schließlich fällt es deutlich einfacher, einen Soundtrack mit vielen eingängigen Melodien in Erinnerung zu behalten als einen, der ausschließlich auf subtile atmosphärische Klänge setzt.

Da ist es kein Wunder, dass Live-Konzerte, in denen Videospielmusik vorgetragen wird, heutzutage kein Nischenmarkt mehr sind. Tourende Orchester wie die der The Legend of Zelda: Symphony of the Goddesses oder Distant Worlds: Music From Final Fantasy füllen riesige Konzerthallen rund um die Welt. Dabei sind die Tickets für solche offiziellen Touren alles andere als günstig. Ich selbst habe im Jahr 2015 ziemlich tief in die Tasche gegriffen, um mir den Traum des Zelda-Konzerterlebnisses zu erfüllen.

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Doch das Konzert des Symphony of the Goddesses-Orchesters war die reinste Massenabfertigung. Der Klang der filigranen Instrumente kam über die gewaltige Audioanlage der Mitsubishi Electric Halle in Düsseldorf kaum zur Geltung. Selbstverständlich – eine so gewaltige Nachfrage nach orchestraler Spielmusik erfordert eine entsprechend große Halle. Doch was bringt es, zehntausende Menschen mit einer durchschnittlichen Konzerterfahrung abzuspeisen, wenn die Musik sogar auf der offiziellen CD-Veröffentlichung desselben Orchesters deutlich klarer und druckvoller klingt?

Einige Monate nach dem Zelda-Konzert hat meine Freundin aus purem Jux bei einem Gewinnspiel mitgemacht und Tickets für das Silvesterkonzert der Bochumer Symphoniker gewonnen. Anstatt dick Party zu machen, haben wir den Countdown zum neuen Jahr also zwischen knapp hundert Senioren im Bochumer Audimax begonnen. Da die Veranstalter des Gewinnspiels sich nicht lumpen ließen, hatten wir sogar Plätze für die vordersten Reihen in unmittelbarer Nähe und auf Augenhöhe zu den Musikern.

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An dieser Stelle sollte erwähnt werden, dass ich in meinem Leben bereits mehr Rock- und Popkonzerten beigewohnt habe als ich jemals zählen könnte. Was ich allerdings an diesem Silvesterabend im Bochumer Audimax erlebt habe, war ein Hörgenuss, wie ich ihn mir zuvor nicht einmal vorstellen konnte. Eigentlich sollte es doch offensichtlich sein, dass ein professionelles Orchester, welches ohne jegliche elektronische Tonverstärkung spielt, ein auditiver Hochgenuss ist. Doch wie viele Personen gibt es wohl, deren Berührungspunkte mit live gespielter Orchestermusik sich auf die schrillen Darbietungen des Schulorchesters beschränken…?

Nach meiner ersten Erfahrung mit solch einem vergleichsweise intimen Konzerterlebnis war ich motiviert, mir noch mehr anzusehen. Besonders hat es mir die dynamische Breite der Stücke angetan, welche man so bei keinem Pop- oder Rockkonzert findet. Brachiale Klangwände fließen langsam in kaum hörbares Flüstern einer einzigen Violine, welche den Saal, dank penibler Architektur, auch ohne Mikrofon bis in die letzte Ecke erfüllt.

Dass ich bei solchen Konzerten häufig mit mir völlig unbekannten Stücken konfrontiert werde, macht mir dabei absolut nichts aus. Oft hat man es hier ohnehin mit Stücken zu tun, welche über Jahrhunderte hinweg den Test der Zeit überstanden haben – völlig scheiße können sie also nicht sein. Auf den großen Konzerten städtischer Orchester dürfte man außerdem nur selten avantgardistische Stücke zu hören bekommen, welche die Geschmäcker spalten.

Die Nähe der gespielten Stücke zu epischer Videospielmusik im Stile von Zelda und Final Fantasy ist teilweise erstaunlich groß. Man sollte bei einem Sinfoniekonzert niemals eingängige Ohrwürmer à la Super Mario Bros. erwarten. Dennoch liegt der Fokus häufig auf raffinierten Melodien, welche das Stück tragen und deutliche Gemeinsamkeiten zu typischen Videospielsoundtracks aufweisen. Gerade im Vergleich zur Musik japanischer Rollenspiele wird deutlich, wodurch Komponisten wie Yoko Shimomura (u.A. Kingdom Hearts-Reihe) oder Koichi Sugiyama (Dragon Quest-Reihe) möglicherweise beeinflusst wurden. Man springe nur willkürlich an eine beliebige Stelle innerhalb einer Beethoven-Sinfonie und stelle sich dann vor, sie untermale einen Moment in Final Fantasy IX – es passt perfekt.

Dass ich hier gerade keine nie zuvor gehörten Offenbarungen darlege, ist mir vollkommen klar. Ich denke jedoch, dass es nicht gerade wenige Videospielfans gibt, die gar nicht wissen, wie gut ihnen ein klassisches Orchesterkonzert gefallen würde. Gerade für Schüler und Studenten ist ein solches Konzerterlebnis meist ein ziemlich preisgünstiger Spaß. Nicht selten gibt es Rabatte für junge Leute, welche den Preis in den einstelligen Bereich drücken. Manche Städte bieten Studenten sogar kostenfreie Tickets für Kulturangebote an. Es braucht nicht mehr als eine kurze Google-Suche, um sich diesbezüglich Aufklärung zu verschaffen.

Zugegeben – begibt man sich zum ersten Mal in die Philharmonie, fühlt man sich als Person unter 50 zunächst wie ein Fremdkörper. Doch auch wenn das endlose Verbeugen der Musiker sowie das dreiminütige Applaudieren nach jedem einzelnen Stück zunächst auf Spießigkeit schließen lassen, ist die Stimmung in der Regel ziemlich locker. Sofern man nicht gerade im Iron Maiden-T-Shirt in der Philharmonie antanzt, dürfte man eigentlich keine schiefen Blicke ernten. Ganz im Gegenteil – mir kam es bisher so vor, als wären sowohl Personal als auch andere Besucher stets glücklich über junges Blut, welches in die Musikpaläste strömt. Alles, was es braucht, ist eine kurze Akklimatisierungsphase.

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Hat man sich dran gewöhnt, ist die einzigartige Atmosphäre eines prunkvollen Veranstaltungsortes sogar ein Argument für den Besuch der Philharmonie. Das geballte Schweigen des Publikums während der Darbietungen sowie der Kurzentzug von Internet und Technik bieten eine angenehme Abwechslung zum Alltag und einen Moment der Entspannung. Begebt euch also einfach mal auf die Website der örtlichen Symphoniker und bucht Tickets für das Konzert, in deren Programm ihr die meisten Komponistennamen wiedererkennt. Mit Beethoven, Mozart, Wagner, Vivaldi, Dvořák und Konsorten kann man eigentlich nicht viel falsch machen.

So viele Videospielfans schreien immer nach orchestralen Soundtracks und beweihräuchern in Youtube-Kommentaren die Komponisten ihrer liebsten Spielmusik. Dann gibt es auch keine Ausrede dafür, nicht mal ein echtes Orchester zu erleben. Ich würde mich darüber freuen, wenn ihr mir eure zukünftigen (oder vergangenen) Erfahrungen mit klassischen Konzerten in den Kommentaren oder auf Twitter mitteilt. Vielleicht konnte ich ja die eine oder andere Person motivieren.