Ok, das mag jetzt erstmal nach einer sehr gewagten Überschrift klingen. Guitar Hero und Rock Band sind doch diese seltsamen Musikspiele mit Plastikinstrumenten aus den späten 2000ern. War das nicht nur Shovelware, die von Activision und EA zu Tode gewirtschaftet wurde? Zuerst einmal möchte ich an dieser Stelle eine Lanze für die Rock Band-Reihe brechen, welche bei weitem nicht so sehr ausgeschlachtet wurde wie Guitar Hero (und Band Hero… und DJ Hero). Man kann EA viel vorwerfen, aber ich finde es bis heute löblich, wie viel Freiraum sie den Rock Band-Entwicklern bei Harmonix gelassen haben. Harmonix ist ein Team, bei welchem man ganz eindeutig merkte, wie viel Herzblut in jedes Spiel geflossen ist. Jeder der Entwickler war selbst Hobbymusiker und Musik-Nerd. Die Rock Band-Reihe war ein Produkt von Fans für Fans. Harmonix’ Musikspiel-Laufbahn hat auch gar nicht mit Rock Band im Jahr 2007 begonnen. Zuvor haben sie für Activision den ersten Teil der Guitar Hero-Reihe sowie dessen Nachfolger Guitar Hero II entwickelt. Diese beiden Grundpfeiler des Musikspiel-Booms gelten bis heute als zwei der größten Klassiker des Musikspielgenres. Später wanderte Harmonix dann von Activision zu EA und die Guitar Hero-Reihe wurde ohne Harmonix’ schützende Hände gnadenlos ausgeschlachtet.

Doch wieso liebe ich persönlich dieses temporäre Phänomen des vergangenen Jahrzehnts so sehr? Oder besser: Wieso habe ich es so sehr geliebt? Schließlich spiele ich heute, abseits vereinzelter Partys, bei denen ich mir diverse Knochen breche, eher selten Rock Band. Um das alles zu verstehen, braucht man ein wenig Kontext zu meiner präpubertären Lebensgeschichte. Ich war stets ein sehr introvertiertes Kind und habe die meiste Zeit damit verbracht, Videospiele zu spielen. Vieles anderes im Leben hat mir Angst oder schlicht keinen Spaß gemacht. Im Großen und Ganzen bereue ich nicht viel, wenn ich auf meine Kindheit zurückblicke. Ich denke auch nicht, dass es grundsätzlich schlimm wäre, ein eher zurückhaltendes Kind zu sein. Wie viele introvertierte Menschen war ich schließlich auch nicht zu 100% der Zeit verschlossen. An vertrauten Orten mit vertrauten Menschen war ich häufig sogar ziemlich aufgedreht. Aber ich war halt trotzdem dieser eine Typ, der sein erstes „Date“ (bitte in ganz großen Anführungszeichen) mit seinen Skills in Dancing Stage Mario Mix beeindrucken wollte. Ich denke, mehr muss man an dieser Stelle nicht sagen.

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Ich klinge hier gerade vielleicht ein wenig, als würde ich behaupten, es sei besser, so zu sein wie alle anderen Menschen. Das ist selbstverständlich nicht der Fall – ganz im Gegenteil. Aber zu einem gewissen Grad habe ich stets darunter gelitten, nirgendwo so richtig reinzupassen. Es war halt auch immer einfacher, sich in die Welten von Pokémon, Zelda und Metroid zurückzuziehen. Und mit diesen Welten verbinde ich genau so starke Kindheitserinnerungen wie andere mit Baumhäusern oder dem Bolzplatz um die Ecke.

Im Alter von 13 Jahren habe ich dann in irgendeiner Videospiel-Zeitschrift einen Artikel zu Guitar Hero II gelesen und war unheimlich angetan vom Konzept des Spiels. Da ich im Jahr 2007 mit der Xbox 360 ohnehin gerade meine erste Nicht-Nintendo-Konsole bekommen hatte, war ich sofort Feuer und Flamme für dieses Spiel. In einem der krassesten Spoiled Brat-Momente meines Lebens hat mein Vater mir das Angebot gemacht, das Spiel samt Gitarrencontroller zu kaufen, sofern ich eine 1 im nächsten Latein-Vokabeltest bekommen sollte. Es war nur ein unbedeutender wöchentlicher Test – keine Ahnung, was ihn zu so einer drastischen Belohnung getrieben hat. Zugegeben, ich war zu dieser Zeit erbärmlich schlecht in Latein und der Guitar Hero-Köder hat gewirkt – ich habe ein komplettes Wochenende von morgens bis abends gelernt und eine 1 bekommen. Trotzdem ist mir diese irrationale Belohnung bis heute unerklärlich.

Nachdem ich wochenlang in regelmäßigen Abständen die Guitar Hero-Anspielstation im örtlichen Saturn belagert habe, konnte ich das Spiel also endlich zu Hause spielen. Lustigerweise hat mein Vater schon am ersten Abend erkannt, worüber ich mir damals gar keine Gedanken gemacht habe und was viele Kritiker der Guitar Hero-Reihe bis heute anzweifeln: „Wow, vielleicht könntest du das später ja auch mal auf eine richtige Gitarre anwenden.“

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Wer schon mal einen Guitar Hero-Controller in der Hand gehalten hat, weiß, dass dieses Gerät mit einer echten Gitarre so viel gemein hat wie ein Lerncomputer für Kinder mit einem MacBook. Für mich – und viele andere – war dieses Plastikinstrument aber trotzdem genug, um Interesse am richtigen Musizieren zu wecken. Das lag nicht zuletzt an der breiten Palette für mich unbekannter Musik, die das Spiel mir näherbrachte. Welche Musik hat man als 13-jähriger im Jahr 2007 denn bitte gehört? Man wurde halt unreflektiert mit der Musik aus dem Radio beschallt. Die Eltern haben die letzten paar Bravo-Hits CDs auf Repeat gehört. Im besten Fall hatte man selbst noch Green Days American Idiot im eigenen Regal. Doch Bands wie Guns n’ Roses, Black Sabbath oder Rush stammten für mich aus einer völlig anderen Welt. Dadurch, dass meine Eltern nie große Hörer älterer Musik waren, hatte ich selbst mit monolithischen Klassikern wie AC/DC oder den Beatles erstaunlich wenige Berührungspunkte. Vorbei waren die Tage, an denen ich dachte, Musik sei nur das, was bei den Eltern im Autoradio läuft. Von einem Moment auf den anderen hatten Videospiele nicht mehr das Monopol meiner Aufmerksamkeit. Plötzlich schmückten solche (rückblickend teilweise echt hässlichen) Poster die blauen Wände meines Kinderzimmers.

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Anstatt immer nur dem nächsten großen Spielerelease entgegenzufiebern, habe ich plötzlich angefangen, mir erst eine CD-Sammlung und später eine Vinylsammlung aufzubauen. Anstatt die ganzen Ferien über ununterbrochen Halo 3 zu spielen – so spaßig das auch war – saß ich den ganzen Tag am PC, habe nach Musik aus dem letzten Jahrhundert gestöbert und mich mit anderen Leuten per ICQ über diese Musik ausgetauscht. Denn nicht nur ich wurde von Guitar Hero beeinflusst.

Ich kann nun natürlich nicht mit hundertprozentiger Gewissheit für andere sprechen, aber ich denke, dass die Spiele auch für einige meiner damaligen Klassenkameraden einer der Steine des Anstoßes war, sich tiefer mit Musik auseinanderzusetzen. Zumindest in meinem engeren Freundeskreis hatten plötzlich alle dieses Spiel und haben angefangen, Musik zu hören, die doppelt so alt war wie sie selbst. Erst vor kurzem wurde ich in einem Uniseminar zu Populärmusik vom Dozenten gefragt, wieso unsere Generation eigentlich so gut über die Musik unserer Elterngeneration Bescheid weiß. Neben der „Hipsterkultur“ sowie dem tendenziell höheren Kulturbewusstsein, könnten Guitar Hero und Rock Band einer der Hauptgründe dafür sein.

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Nach meiner ersten Berührung mit Guitar Hero II hat es kaum ein Jahr gedauert, bis ich meine erste richtige Gitarre bekommen habe. Anstatt zusammen Rock Band zu spielen, gründeten meine Schulkameraden und ich auf einmal eine echte Rock Band. Wie ertragreich unsere musikalischen Ergüsse waren, sei an dieser Stelle mal dahingestellt. Doch ich habe nicht nur angefangen, selbst (zu versuchen) Musik zu machen, sondern habe auch angefangen, Musik kritisch zu betrachten. Ich war damals zwar ein ziemlich engstirniger Trottel, der jede Band, die vor 1990 gegründet wurde, komplett despektierlich behandelt hat. Nichtsdestotrotz dürfte meine Faszination für Progressive Rock-Bands wie Rush, Yes oder Genesis dazu beigetragen haben, zu lernen, nicht nur die Oberfläche eines künstlerischen Mediums zu betrachten. In gewisser Weise wurde zu diesem Zeitpunkt der Grundstein für mein Interesse an Videospielkritik gelegt – auch wenn Spiele zu dieser Zeit eine untergeordnete Rolle in meinem Leben spielten.

Schließlich war ich viel zu abgelenkt von all den Dingen, die das jugendliche Leben so mit sich brachte. Wer den ganzen Tag über den Botschaften von AC/DC, Led Zeppelin und Co. ausgesetzt ist, entwickelt zumindest ein oberflächliches Interesse an den üblichen Inhalten, die in der Lyrik der Musiker behandelt werden. Die Rockmusik der 70er verkörpert nahezu uniform eine Botschaft von „einfach mal die Sorgen fallen lassen“, die damals ungeheuerlich mit mir resoniert hat. Für mich als Kind, welches sich im Alter von 10 Jahren noch immer kaum allein aus der heimischen Hofeinfahrt getraut hat, war es ein gehöriger Sprung, mit 16 Jahren fast wöchentlich mit dem Fahrrad durchs nächtliche Duisburg zu tingeln.

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Ich, 14, dumm.

An dieser Stelle sollten auch die ausgedehnten Reisen durch NRW nicht unerwähnt bleiben, welche ich damals regelmäßig mit einem Freund unternommen habe. Einmal pro Schulferienzeit haben wir uns getroffen, um zusammen auf Jagd nach Second-Hand-Schallplatten zu gehen. Auch besagten Freund hätte ich ohne meine Liebe zur Musik nie kennengelernt. Wir haben uns in einer SchülerVZ-Gruppe mit dem Namen „Chinese Democracy rules!“ kennengelernt.  Neben uns gab es dort nur neun andere Connaisseurs, die Axl Roses Opus Magnum ebenfalls zu schätzen wussten. Dass ich unter solchen Umständen einen meiner bis heute besten Freunde kennengelernt habe, hake ich einfach mal unter dem Punkt „Die Magie des Internets“ ab. Hier noch einmal  die gesammelte Ausbeute eines unserer damaligen Ausflüge nach Köln. Diese 34 Alben waren deutlich billiger, als man annehmen würde.

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Auch wenn Videospiele heute wieder einen deutlich größeren Stellenwert in meinem Leben genießen, ist meine Liebe zur Musik ungebrochen. Ich bin zwar nicht mehr der 18-jährige, der sich als Freddie Mercury-Imitator auf jeder Party zum Affen macht (sondern nur noch auf einigen ausgewählten). Aber immerhin hat mein Musikgeschmack sich weit davon entfernt, so selektiv auf wenige Genres und Epochen beschränkt zu sein. Mittlerweile kann ich beinahe jedem Genre etwas abgewinnen und genieße es, durch die Möglichkeiten des Internets ein nahezu unendliches Spektrum neuer und innovativer Musik entdecken zu können. Jene Offenheit hat sich auch auf meinen Spielegeschmack übertragen, der ähnlich breitgefächert und von Neugier getrieben ist.

Die komplette Entwicklung, die ich gerade beschrieben habe, könnte man wohl als eine Art Butterfly Effect bezeichnen, der einzig dadurch losgetreten wurde, dass ich irgendwann mal eine Review zu Guitar Hero II gelesen habe. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich bei weitem nicht die einzige Person bin, die eine solche Erfahrung mit Guitar Hero oder Rock Band gemacht hat. So oberflächlich und rigide die Mechaniken dieser Spiele sein mögen – sie fordern den Spieler trotzdem dazu auf, sich aktiv mit der Musik auseinanderzusetzen. Obwohl der Spieler die Musik kaum interaktiv beeinflussen kann, kommt es zu einer deutlich intensiveren Auseinandersetzung mit jeder einzelnen Note als beim passiven Hören eines Lieds. Aus diesem Grund ist es völlig irrelevant, wie effektiv der Spieler durch Rock Band das Spielen einer echten Gitarre oder eines echten Schlagzeugs erlernt. Egal, ob Queen, Paramore, Megadeth oder Rick Astley – jeder der über 2000 Songs, die in Rock Band verfügbar sind, offenbart durch die Involvierung des Spielers eine Tiefe, die den meisten Gelegenheitshörern ansonsten verborgen bliebe. Ist das Interesse an der Musik erstmal geweckt, geschieht der Rest dann von selbst.

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