Worin liegt der größte Vorteil einer Schallplatte gegenüber jeglichen anderen Tonträgern? Meiner Meinung nach brilliert ein Album auf Vinyl in erster Linie durch das gewaltige Cover-Artwork, welches der Umschlag einer LP unweigerlich mit sich bringt. Ein gutes Albumcover weckt nicht nur das Interesse des Betrachters, sondern erweitert den Genuss des ansonsten komplett auditiven Mediums auf eine zusätzliche ästhetische Ebene. Einige der besten Albumcovers der Musikgeschichte, wie die von Pink Floyd (um mal das offensichtlichste Beispiel zu nennen) ergänzen sich mit der dazugehörigen Musik auf eine symbiotische Art und Weise. Das Eine wäre ohne das Andere kaum vorstellbar.

Und auch im Spielebereich sagt ein gutes Cover-Artwork mehr als tausend Worte. Vor allem vor der Jahrtausendwende waren Impulskäufe im Einzelhandel Gang und Gäbe. Schließlich konnte man sich mangels frei zugänglicher Internetportale nur schwer über Spieleneuerscheinungen informieren. Kunden, die sich mittels Videospiel-Magazinen auf dem Laufenden gehalten haben, galten als Ausnahme. Auch klassische Marketingformen wie TV-Werbespots waren im Spielebereich weniger verbreitet. Das Cover eines Produkts im Ladenregal spielte dementsprechend eine maßgebliche Rolle bei der Kaufentscheidung.

Nun könnte man behaupten, dass aufwendige Cover-Artworks sich, zusammen mit physischen Spieleverkäufen, langsam aber sicher der Extinktion zubewegen. Doch – ganz abgesehen davon, dass physische Spiele immer noch beliebter sind, als man meinen mag – ist diese Annahme nur partiell begründet.

Es ist wahr, dass heutzutage immer weniger Spiele in klassischen Boxen oder Hüllen verkauft werden. Allerdings fallen die Cover-Artworks dadurch nicht komplett unter den Tisch. Sie tauchen lediglich an einer anderen Stelle wieder auf: Im Menü des Betriebssystems einer Konsole. Es ist mir bis heute schleierhaft, wieso diesem Feature moderner Videospielsysteme so wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird.

Digitale Spielebibliotheken im Vergleich

Betrachten wir die Wurzel des digitalen Mainstream-Spielevertriebs, müssen wir unweigerlich bei Handyspielen und Steam beginnen. Da ältere Telefone nicht über die Kapazitäten verfügten, aufwendige Cover-Artworks darzustellen, seien diese in diesem Fall entschuldigt. Auch hatten Mobilegames zur Prä-Smartphone-Ära lange nicht den Stellenwert, den sie heute genießen. Ich verstehe allerdings nicht, wieso iOS seinen Nutzern bis heute nicht die Möglichkeit bietet, ihre Spielebibliotheken auf eine visuell ansprechende Weise darzustellen. Meisterwerke wie Gorogoa, Her Story oder The Banner Saga wären einer aufwendigeren Präsentation im Home-Menü mehr als würdig.

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Steam präsentiert den Spielekatalog in der Standardansicht ganz pragmatisch in Listenform. Selbst die rechteckigen Icons, welche optional eingeschaltet werden können, sehen für meine Augen ein wenig kühl, lieblos und unharmonisch aus. Vielleicht liegt mein unzufriedenes Gefühl auch darin begründet, dass die Spielecovers der letzten Jahre traditionell vertikal statt horizontal sind. Eine quadratische Darstellung, wie sie auf den meisten anderen Plattformen üblich ist, wirkt, im Vergleich zum von Steam gewählten 5:2-Seitenverhältnis, wie die natürlichere Evolution. Sehen wir uns einfach mal das bisher beste Beispiel für eine digitale Software-Bibliothek an:

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Das Systemmenü der Nintendo Switch präsentiert die Spielesammlung des Nutzers als eine Aneinanderreihung großer, detaillierter Artworks, welche klassischen Spielecovers gar nicht so unähnlich sind. Das Scrollen ist schnell, flüssig sowie von dezenten, aber prägnanten Soundeffekten untermalt. Alternativ zur Standardansicht bietet die Switch den Nutzern, die mehr als zehn Spiele besitzen, die Möglichkeit, ihre Spielesammlung in einer bildschirmfüllenden Anordnung von Kacheln anzuzeigen. Nintendo fand hierbei einen angenehmen Kompromiss zwischen Symbolgröße und Übersichtlichkeit. Die Artworks sind weder so klein, dass ihre Schönheit verloren ginge, noch so groß, dass das schnelle Suchen nach einem bestimmten Spiel umständlich wäre. Dadurch, dass die Symbole quadratisch anstatt horizontal wie bei Steam sind, entsteht beim Scrollen außerdem ein gleichmäßigeres Gefühl auf beiden Achsen der Anzeige.

Das Dashboard der Playstation 4 bietet einen ähnlichen Ansatz wie das lineare Standardmenü der Switch, versagt aber in einer übersichtlichen Darstellung der gesamten Bibliothek. Hier einmal der Vergleich:

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Die PS4 schafft es gerademal, neun Spiele zur selben Zeit darzustellen. Das ist nicht nur unpraktisch, wenn man sich durch dutzende Spiele wühlt, sondern auch wenig hübsch, da die Darstellung der Symbole durch unnötig sperrige Textboxen mit den Titeln der Spiele verwässert wird.

Während sich die Gesamtübersicht der Nintendo Switch beinahe wie ein Regal voller Spiele anfühlt, wirkt die Übersicht der PS4 lediglich wie das Menü, welches sie nunmal ist.

Ebenfalls löblich ist, dass Nintendo bei der Switch nicht nur die Symbole der von physischen Cartridges installierten Spielen mit einbezieht, sondern auch die gelöschten Spiele mit einem kleinen „Gelöscht“-Vermerk in der Übersicht behält. So kann man ruhig mal ein wenig Platz im Systemspeicher schaffen, ohne sich darüber sorgen zu müssen, dass das gelöschte Spiel in den Tiefen eines isolierten Kaufverlaufs verschwindet. Auf der Switch sind also zu absolut jeder Zeit sämtliche Spiele eines Nutzers im selben Menü einsehbar. Der Blick zum physischen Spieleregal oder in Einkaufsverläufe des eShops wird somit vollkommen obsolet. (Optional lassen sich die richtigen Stinkstiefelspiele natürlich auf ewig aus dem Dashboard verbannen.)

Ich habe mir im Vorfeld des Switch-Releases große Sorgen darum gemacht, ob Nintendo diesmal eine visuell ansprechende Spielebibliothek auf die Reihe bekommen würde. Ihre Ergebnisse bei 3DS und Wii U waren, meiner Meinung nach, absolut beschämend.

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Natürlich – diese Menüs sind äußerst übersichtlich. Aber – zumindest für mich – entsteht ein höheres Wertgefühl, wenn meine digitalen Einkäufe auf eine elegante Weise präsentiert werden. Die minimalistischen Logos der 3DS- und Wii U-Dashboards sehen nicht aus wie Spiele, die Teil meiner Sammlung sind. Sie sehen aus wie Verknüpfungen zu Programmen auf einem Windows PC.

Selbst die Playstation Vita, bei der ich, aufgrund der abstrus günstigen Sale-Preise, zu 100% auf digitale Games gesetzt habe, präsentiert meine Bibliothek leider nur wenig ansprechend. Manchmal sehen die kreisförmigen Symbole sogar aus, als hätte man einfach die Ränder eines ursprünglich quadratischen Bilds abgeschnitten.

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Immerhin macht sie es aber besser als die PS3, die meine Spiele in einer ellenlangen Liste inklusive kleiner Symbole auflistet. Das ist besonders ärgerlich, wenn man sich anschaut, wie hübsch die direkte Konkurrenz, die Xbox 360, die Softwarebibliothek löst – wenn auch erst nach der zigsten Revision des Betriebssystems. An dieser Stelle sollte ich vielleicht eben die Xbox One dafür loben, dass auch sie ein äußerst übersichtliches und elegantes Design nutzt. Vor allem die vielen Sortier- und Filterfunktionen machen die Bedienung ziemlich komfortabel. Leider bietet die Xbox One nur diese Kachelansicht mit prominentem grauen Hintergrund. Es fehlt eine lineare Anordnung der zuletzt gespielten Titel mit großen Artworks, wie PS4 und Switch sie besitzen.

Die Cover-Artwork-Renaissance

Doch was wäre die schönste Anordnung digitaler Covers ohne Artworks, welche das Auge des Betrachters entzücken? Hier liegt der Hund begraben. Es gibt zu viele lieblose digitale Coverartworks. Zugegeben – die Situation wird von Jahr zu Jahr besser. Nichtsdestotrotz scheint sich noch lange nicht bei sämtlichen Publishern und Entwicklern herumgesprochen zu haben, dass diese augenscheinlich schnöden Kacheln im Dashboard einer Konsole einen wichtigen Teil zur Repräsentation ihres Spiels beitragen.

Wenn es darum geht, Lust auf ein bestimmtes Spiel hervorzurufen, sind diese Kacheln sogar deutlich wichtiger als herkömmliche Cover-Artworks. Bei einem physischen Spieleregal sind es vor allem die Rücken der Spielehüllen, welche das Auge des Betrachters locken. (Und auch hier gibt es selbst heute noch etliche Titel, die sich mit dem Spieltitel in schwarzer Schrift auf schnödem weißem Hintergrund begnügen.) Die tatsächlichen Covers physischer Spielehüllen bekommt der Betrachter, im herkömmlichen Gebrauch allerdings vergleichsweise selten zu Gesicht. Üblicherweise ist beim Herausnehmen eines bestimmten Spiels aus dem Regalfach die Entscheidung, dieses Spiel zu spielen, schon gefallen.

Bei digitalen Spielebibliotheken jedoch springen die Artworks jedem Nutzer unweigerlich ins Gesicht, sobald er seine Konsole startet. Der durchschnittliche Nutzer dürfte diese Symbole also um ein Vielfaches länger betrachten als die Covers der Spielehüllen in seinem Schrank. Anzunehmen, dass dieser visuelle Reiz keinen Einfluss auf unser Konsumverhalten hätte, ist ein Irrtum. Wie bei Musikalben kann ein gutes Cover-Artwork locken, während ein schlampiges Artwork abschrecken kann. Wir reden hier natürlich nicht von binären Entscheidungsprozessen. Wenn ich Lust auf ein Spiel habe, werde ich es spielen, egal wie abscheulich das Cover aussieht. Trotzdem kann ein gelungenes (oder misslungenes) Cover-Artwork im Falle der Unentschlossenheit den entscheidenden Schubs geben.

Am besten schauen wir uns einfach mal ein paar positive Beispiele sowie ein paar negative Beispiele an.

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Diese sechs speziell erstellten Designs haben zwar nicht sonderlich viel mit der eigentlichen Optik des jeweiligen Spiels zu tun, vermitteln aber trotzdem dessen Atmosphäre. Besonders geschickt ist das Mega Man Legacy Collection-Cover, welches den 8-bit-Look des zugehörigen Spiels auf aufregende Weise ausschmückt. Es unterstützt die Imagination des Spielers, sodass er die gezeichneten Charakterdesigns auf die Ingame-Pixelart übertragen kann.

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In dieser Gruppe legten die Designer größeren Wert darauf, das eigentliche Spielgefühl zu vermitteln. Selbst ohne jegliches Vorwissen dürfte klar sein, woraus das Kerngameplay dieser Spiele besteht. Auch die Emotionen, die der durchschnittliche Spieler erleben dürfte, werden hier angedeutet.

Sämtliche der letzten zwölf Designs funktionieren auf ähnliche Weise wie herkömmliche Videospiel-Boxarts. Sie nutzen außerdem die quadratische Fläche, welche ihnen geboten wird, angemessen und stimmig aus.

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Im Musikbereich können sich nur die bekanntesten (oder die experimentellsten) Künstler den Luxus eines hübschen Covers ohne jegliche Typographie leisten. Bei digitalen Spielen wird der Titel ohnehin neben dem Artwork eingeblendet, von daher stellt die Identifikation hier kein Problem dar. Der Verzicht auf störende Schrift ermöglicht es dem Künstler, das eigentliche Motiv in den Mittelpunkt zu stellen. Auch wenn The Witness (mittig) und Firewatch (rechts) keine besonders aufregenden Designs zur Schau stellen, gibt es hier auf jeden Fall noch ungenutztes Potential. Everybody’s Gone to the Rapture (links) ist in diesem Dreiergespann definitiv der Sieger. Von einem Abbey Road oder Dark Side of the Moon sind wir aber noch weit entfernt.

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Wie unschwer zu erkennen sein sollte, sind wir nun bei den Negativbeispielen angekommen. Beginnen wir doch gleich mit meinem Lieblingstopos: Spiellogo auf schwarzem Hintergrund. Besonders im Falle von Batman: Arkham Knight wär es keine schwierige Aufgabe gewesen, einfach das überaus hübsche Retail-Cover ein wenig zu modifizieren. Trackmania Turbo bekommt Bonuspunkte dafür, dass der Designer hier zumindest einen Hintergrund gewählt hat, der an die LEDs eines Stadionbildschirms erinnert.

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Schon ein Stück besser: Spiellogo auf generischem Hintergrund. Ja, Artworks dieser Art sind leider nicht gerade selten. Stardew Valley sowie Dragon Quest Heroes II dürften in diesem Fall noch als die Sieger hervortreten. Auch das Cover von Bound wirkt in seinem Minimalismus einigermaßen stimmig, verschwendet aber großes Potential, wenn man bedenkt, wie atemberaubend hübsch das Artdesign des Spiels ist.

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Dass ausgerechnet das ansonsten so stylische Persona 5 mit einem derartig faden Cover daherkommt, tut mir in der Seele weh. Jeder einzelne Frame des 100-stündigen JRPGs war visuell ansprechender als dieses Cover. Im Falle von Blossom Kingdom hätte eine andere Schriftart bereits Welten an Unterschied ausgemacht. Riptide GP2 hingegen sieht einfach aus wie ein trashiges Third Party-Spiel aus der Gamecube-Ära. Vielleicht war es in diesem Fall sogar die Intention des Künstlers – wer weiß?

Ein besonders schönes Beispiel für die unterschiedliche Wirkung verschiedener Cover bietet die Switch-Version von SteamWorld Dig 2. Ich möchte den Entwicklern bei Image & Form keine Faulheit unterstellen. Allerdings haben sie in diesem Fall an der falschen Stelle gespart. Das ursprüngliche Artwork zu SteamWorld Dig 2 sieht aus wie das einer frühen Alpha-Version. Die Fans haben sich auf Twitter höflich darüber beschwert und nur wenige Tage später stand per Patch ein deutlich hübscheres Cover parat. Welches der beiden weckt das größere Verlangen, das Spiel zu genießen?

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Ich behaupte als Laie nun einfach mal, dass die Gestaltung eines solchen digitalen Covers keine Mondpreise kosten dürfte. In den meisten Fällen sollte es reichen, einfach das Cover der Retail-Version zu nehmen und gegebenenfalls das Logo des Spiels ein wenig zurechtzurücken, damit alles in einen quadratischen Rahmen passt. Im Optimalfall erstellen die Designer ein dediziertes Cover, welches die quadratische Fläche optimal nutzt. Natürlich – jeder Kunde, der diese Symbole sehen kann, hat seine Kaufentscheidung bereits getroffen. Für etwas, das viele Spieler tagtäglich unterbewusst beeinflusst, dürfte es sich aber trotzdem lohnen, diese kleine Zusatzinvestition in einen kompetenten Designer vorzunehmen. Gerade im Zeitalter der „Player Recurring Investments“ dürfte ein lockendes Symbol im Dashboard für viele Publisher attraktiv sein.