Ich liebe Musik. Und ich liebe Videospiele. Wer eins und eins zusammenzählt, wird schnell darauf kommen, dass ich auch Rhythmusspielen nicht ganz abgeneigt bin. Spiele wie Rock Band und Guitar Hero haben in meiner Jugend sogar einen essentiellen Teil zur Herausbildung meines Musikgeschmacks beigetragen. Entgegen aller Aussagen, dass diese Spiele keinen Wert für echte Musiker böten, haben sie mich sogar zum hobbymäßigen Erlernen einiger Instrumente getrieben, die nicht aus Plastik sind.

Beide Musikspielreihen haben in den frühen 2010er-Jahren bekanntlich einen ziemlich heftigen Crash in ihrer Popularität erlebt. Meine Hingabe zur Rock Band-Reihe – sowie mein Katalog teuer erkaufter DLC-Songs – waren aber groß genug, um bei Harmonix’ Reboot-Versuch des Franchises in Form von Rock Band 4 erneut einzusteigen… zumindest nachdem das Spiel gefloppt war und überall für Tiefstpreise verramscht wurde.

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Und wer hätte es geahnt? Das verrückte Herumfuchteln mit Plastikinstrumenten macht auch heute noch genau so viel Spaß wie damals zur goldenen Ära der Musikspiel-Peripherie. Über die Jahre habe ich jedoch entdeckt, dass ich Rock Band am liebsten ganz ohne irrwitzige Controller spiele – mein Lieblingsinstrument bei Rock Band ist mittlerweile meine eigene Stimme. Wie gut meine spielerischen (und auditiven) Ergebnisse dabei sind, sei an dieser Stelle mal dahingestellt. Ich liebe das Singen bei Rock Band.

Ich liebe es sogar so sehr, dass ich mir vor einigen Monaten bei einer energischen Performance des Prog-Rock-Epos 2112 von Rush den rechten Fuß gebrochen habe. Wie man das schafft? Ich weiß es selbst nicht so genau. Es ist einfach passiert. Manchmal geschehen auf der Bühne die irrwitzigsten Dinge. Mittlerweile, nachdem alles wieder verheilt ist, bin ich nur froh, dass ich mir zumindest zu einem so epischen und absolut nicht-tanzbaren Song die Knochen gebrochen habe. Wer Lust (und Zeit) hat, sollte unbedingt mal reinhören.

Aber seht ihr? Das kommt davon, wenn keine Warnhinweise zu Beginn jedes Spiels einblendet werden. Sämtliche Studios sollten dem Vorbild Nintendos aus der Wii-Ära folgen.

Und was hat Cuphead damit zu tun?

Cuphead bekommt im Verlauf dieser Geschichte erst bei den Nachwirkungen des gebrochenen Fußes seine Relevanz. Ich war nämlich, während der Wochen, die dieser epochalen Rock Band-Party folgten – verständlicherweise – erstmal darauf angewiesen, mich auf Krücken fortzubewegen. Leider bin ich (wie meine Mutter es liebevoll zu sagen pflegt) ein ziemlicher Bewegungslegastheniker und hatte dementsprechend vor allem anfangs meine Probleme damit, den täglichen Fußweg zur Universität zurückzulegen.

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Frisch aus dem Krankenhaus, einen Tag nach dem Super Mario Odyssey-Release. Perfektes Timing.

Doch mit der Zeit gewöhnt man sich ja an fast jedes Problem. Zuerst war das Gehumpel zur Uni ein ziemlich zeitaufwendiger und schweißtreibender Prozess. Meine ursprüngliche Strategie bestand daraus, beim Laufen einfach ganz entspannt Podcasts zu hören und mir so viel Zeit zu nehmen, wie ich brauche. In der Praxis war es im November aber schlicht zu kalt, um alle paar Meter anzuhalten und schweißgebadet fünfminütige Pausen zu machen.

Der Gamechanger war in diesem Fall der Wechsel meines Unterhaltungsprogramms von Podcasts zu Musik. Natürlich – man muss kein Genie sein, um auf die Idee zu kommen, dass energiegeladene Musik meinen Adrenalinpegel während dieser semi-sportlichen Tätigkeit eher in die Höhe treibt als die Podcasts von Andre Peschke und Jochen Gebauer. Der springende Punkt ist allerdings, welche Musik ich gehört habe.

„I’m a dancing fool…“

Es war der Soundtrack von Cuphead, der mir von diesem Punkt an den täglichen Weg zur Uni versüßt hat. Der schwingende Klang des 1930er-Big Band-Jazz im Stile von Duke Ellington und Co., aufgepeppt durch moderne Einflüsse und Produktionstechnik wäre eine passende Untermalung zu allerlei Tätigkeiten. Aber zum Herumspringen auf Krücken passte er seltsamerweise besonders gut.

Es waren nicht nur die zahlreichen Off-Beats und Trommelwirbel, die beinahe ständige Präsenz des treibenden Walkingbasses oder die schmissigen Ragtime-Stücke, die dafür verantwortlich waren. Sondern vor allem der schelmische Unterton vieler Stücke, der nicht selten ins Verspottende und Herausfordernde abdriftet.

Um das wirklich verstehen können, muss man sich vielleicht ein wenig in meine Situation hineinversetzen. Ich war der einzige Idiot weit und breit, der sich tagein tagaus, auf relativ ungeschickte Weise, denselben Fußweg entlangquälen musste. Mitunter erkannte ich auf dem Weg sogar Leute wieder, die ihrer eigenen wöchentlichen Routine nachgingen. Selbstverständlich habe ich durch meine genervte und angestrengte Darbietung des Humpelns einige Blicke auf mich gezogen – denn scheinbar sind Leute, die in einer Großstadt vergleichsweise weite Strecken auf Krücken zurücklegen, eine Anomalie.

Die selbstgefällig stolzierende Musik von Cuphead hat mich die ganze Situation mit ein wenig Selbstironie ertragen lassen. Es gibt weitaus schlimmere Schicksale, als sich den Fuß zu brechen. Dann kam ich nun mal jeden Morgen schwitzend in der Uni an. Ich war halt ein Depp. Ich habe mir beim Rock Band spielen den Fuß gebrochen. Meine Situation war so absurd, dass ich mich ein wenig gefühlt habe wie ein alberner Charakter in einem 1930er-Cartoon. Ihr wisst schon – wie dieser eine Stereotyp, der immer von irgendwelchen Trickster-Charakteren verarscht wird.

Wenn ich so daran zurückdenke, glaube ich, dass Cupheads Soundtrack mich auf noch einer anderen Ebene unterbewusst motiviert hat. Cuphead und seine knallharten Bosskämpfen boten mir – wie unzähligen anderen Spielern auch – eine ziemlich deftige Herausforderung. Letztendlich ist es mir jedoch gelungen, jeden einzelnen der dutzenden Widersacher souverän niederzustrecken – auch wenn dieser Prozess mit einiger Arbeit verbunden war.

Und hier finden wir die Parallelen zu meiner Krückensituation. Der tägliche Weg zur Uni war am Ende auch nur eine Herausforderung, die es zu bewältigen hieß. Das klingt jetzt wahrscheinlich ein wenig melodramatisch und überinterpretiert. Aber rückblickend denke ich wirklich, dass Cupheads Soundtrack zu meiner Motivation beigetragen hat, diese Hürde einfach zu überwinden, anstatt in Selbstmitleid zu baden – genau wie die Bosskämpfe im Spiel.

Im späteren Verlauf meines Genesungsprozesses konnte ich den Weg zur Uni auf Krücken sogar schneller zurücklegen als auf zwei gesunden Beinen – vorausgesetzt ich hatte das treibende Tempo der Cuphead-Songs in meinen Ohren.

Denn seien wir mal ehrlich – im Vergleich zum Kampf gegen diesen riesigen Blechroboter ist ein gebrochener Fuß doch Kindergeburtstag.

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