Es scheint mittlerweile Tradition zu sein, dass im Dezember jedes Jahres ein herausragendes Spiel erscheint, welches die großen Game of the Year-Wahlen nur knapp verpasst. Letztes Jahr war es The Last Guardian, im Jahr davor Xenoblade Chronicles X, (welches scheinbar nur ich so derartig herausragend fand). Dieses Jahr ist es das Puzzlespiel Gorogoa, welches das Potential hätte, das GOTY-Feld von hinten aufzuräumen.

Gorogoa gehört zum Portfolio des vielversprechenden neuen Indie-Publishers Annapurna Interactive, welcher bereits What Remains of Edith Finch unter seine Fittiche genommen hat. Entwickelt wurde das Spiel jedoch nur von einem einzigen Mann, Jason Roberts.

Gorogoa erfordert vom Spieler, eine ganze Reihe untereinander verknüpfter Bilderrätsel zu lösen. Dies erfolgt durch das simple Umherschieben von quadratischen Zeichnungen, welche vom Spieler vergrößert, gescrollt und miteinander kombiniert werden können. Durch Überlagerungen der einzelnen Fotos sowie durch clevere Perspektivspielchen entstehen am Ende die Lösungen der jeweiligen Rätsel. Ein wenig erinnert das Spielprinzip also an Titel wie Monument Valley oder Echochrome.

Die kompakte Spieldauer sowie das flotte Pacing sorgen dafür, dass die ca. zwei Stunden des Rätselratens extrem vielseitig und abwechslungsreich bleiben. Nie entsteht das Gefühl, auf der Stelle zu treten oder irgendetwas zu sehen, das auch nur ansatzweise uninteressant wäre. Trotz der Originalität und Unvorhersehbarkeit der Rätsel funktioniert jedes einzelne Puzzle auf hundertprozentig logische Art und Weise. Im späteren Spielverlauf sind durchaus einige verschachtelte Denkprozesse vonnöten. Anstrengend oder gar unübersichtlich wird das Rätseldesign allerdings nie.

Rätsel mit Wow-Effekt

Die große Stärke von Gorogoa liegt nicht in der simplen Befriedung, welche durch das Lösen der Rätsel entsteht. Es ist vor allem der Wow-Effekt, der mit jedem Lösungsweg einhergeht, der das Spiel derartig herausragend gemacht. Es herrscht ein stetiger Kampf zwischen Überraschung und Begeisterung. Ein Ausruf von „Wie kommt man bitte auf sowas?“ folgt auf den nächsten. Am Ende ufert das Ganze in einer imaginären Verbeugung vor der Kreativität des Entwicklers. Das Design der Rätsel sowie die visuelle Gestaltung des Spiels spielen mit den Erwartungen des Spielers und sorgen somit für beeindruckende Momente im Minutentakt.

Mal hat man bereits eine gewisse Vorstellung des Ablaufs eines Rätsels und ist dann lediglich begeistert, wenn man sieht, auf welche Weise die eigene Theorie in die Praxis umgesetzt wird. Häufig bricht die Genialität des Entwicklers aber auch erst in dem Moment über den Spieler hinein, in dem die Puzzleteile ineinandergreifen. Ich möchte an dieser Stelle keine konkreten Beispiele liefern, da solche nur den Zauber des Spiels beim eigenen Erleben vorwegnehmen würden. Der oben gepostete Trailer liefert aber einige dezente visuelle Anhaltspunkte für dieses Prinzip.

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Gorogoa meistert die Kunst, die Neugierde des Spielers zum zentralen Motivationsfaktor zu verwandeln. Die intrinsische Befriedigung, die wir beim Lösen kniffliger Rätsel verspüren, wird von diesem Element der Überraschung und der Neugierde unterstützt. Somit schafft Gorogoa es, den Spieler auch in den langsameren Momenten des Spielverlaufs zu fesseln. In anderen Puzzle-Spielen ist es nur allzu einfach, sich als Spieler frustriert abzuwenden, sobald der letzte Dopamin-Kick eines gelösten Puzzles zu weit zurückliegt. Die Schwelle zwischen Herausforderung und Frust ist in diesem Genre häufig papierdünn. Von einem Moment auf den anderen kann die Motivation des Spielers komplett kippen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Verlockung, einfach auf einen Guide zurückzugreifen, im Zeitalter des Internets viel zu groß ist.

Gorogoa hingegen hält den Spieler durch seinen schieren Einfallsreichtum auch in den Momenten bei der Stange, in denen er für mehrere Minuten einfach nur auf ein statisches Bild guckt. Auch die Möglichkeit, zu jeder Zeit mit den Bildern interagieren und experimentieren zu können, hilft Gorogoa, das Engagement des Spielers aufrecht zu erhalten.

Der Wert des Unvorhersehbaren

Die Neugierde des Spielers ist ein essentieller Faktor beim Erlebnis eines jeden Spiels. Dennoch wird dieser Aspekt im Diskurs über Videospiele häufig vergessen. Dabei zeichnen sich gerade die herausragendsten aller Spiele dadurch aus, dieses Bedürfnis des Spielers über den gesamten Spielverlauf hinweg zu befriedigen.

Allein im Jahr 2017 sahen wir zwei Spiele, welche das Übertreffen der Spielererwartungen in die Königsklasse trugen. Sowohl Super Mario Odyssey, als auch das oben bereits erwähnte What Remains of Edith Finch, leben davon, dass sie sich immer wieder selbst übertrumpfen.

What Remains of Edith Finch bewerkstelligt dies, indem es die Erwartungen an einen klassischen „Walking Simulator“ komplett auf den Kopf stellt und in regelmäßigen Abständen einfach mal für ein paar Minuten aus dem Fenster wirft. Durch den Kontext des übergreifenden Spielgerüsts entstehen so Momente, wie man sie als Spieler noch nie in irgendeinem anderen Spiel erlebt hat.

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Auch Annapurna Interactives anderer 2017er-Titel, What Remains of Edith Finch, spielte mit den Erwartungen des Spielers.

Super Mario Odyssey auf der anderen Seite, bietet eine so derartig reichhaltige Palette verschiedener und abgefahrener Ideen, dass diese zum Star des Spiels werden. Wir spielen Super Mario Odyssey nicht für die Jump and Run-Herausforderungen, die das Spiel uns bietet. So befriedigend allein die grundlegende Fortbewegung als Mario auch sein mag – der primäre Suchtfaktor entsteht durch das irrwitzige Stakkato aus unerwarteten Spielideen, die unentwegt auf den Spieler hineinprasseln.

Sei es das Erleben der nächsten verrückten Sidequest in Yakuza 0, das Entdecken monumentaler Bauwerke in Assassin’s Creed oder das Bestaunen eines ehrfurchterregenden Bosses in Bloodborne – all diese aufregenden Dinge, die uns beim Spielen als Ziel dienen, befeuern unsere Langzeitmotivation stärker als es selbst das perfekteste Gameplay-Gerüst je tun könnte. Durch sie verwandelt sich das simple Spielen eines Spiels zum Erlebnis, welches uns – im besten Falle – noch Jahre später in Erinnerung bleibt.

Ein Spiel, welches unsere Neugierde nicht weckt, wird es stets schwer haben, uns bei der Stange zu halten. Die großartigsten Spiele sind solche, die uns immer wieder bedeutungsvolle Momente liefern und vor Kreativität nahezu zerbersten. Nur wenige Spiele haben sich diese Philosophie in diesem Jahr so sehr zu Herzen genommen wie Gorogoa.

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